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Samstag, 16. Mai 2015

Jason Derulo: Want To Want Me

Irgendwas ist mit Jason Derulo passiert. Der Kindergartenpopstar schafft es tatsächlich immer häufiger richtig gute Produktionen an Land zu ziehen und so echte Pop-Klassiker zu fabrizieren. Da war vor anderthalb Jahren Talk Dirty, da war vor knapp einem Jahr das (leider inhaltlich völlig unter der Gürtellinie angesiedelte) Wiggle, und jetzt ist es Want To Want Me, die Vorabsingle zum neuen Album Everything Is 4.

Ja, dieser Song ist geil. Funky, sexy, eingängig, infektiös, bester Pop. Und wieder einmal bedient er sich sehr fleißig gängiger Erfolgsrezepte. Ich hab' eine Weile überlegen müssen, oder es mir nicht recht getraut zuzugeben, aber die Verweise auf The WeekNd und Robin Thicke sind doch recht eindeutig. Mit hoher Falsett-Stimme auf einem funky-Rhythmus ganz eindeutig sexuelle Gelüste besingen ... das kennen wir doch schon.

Ist deshalb nicht unbedingt schlecht. Wenn Funk und hochgepitschtes Quieken besonders gut das Zeitgefühl ausdrücken, warum soll das dann einer einzigen Person vorbehalten bleiben? Es ist lediglich so, dass diejenigen, die da auf den Zug drauf springen, eher ihr eigenes Gesicht verlieren und nicht recht einzuordnen sind.

Mir geht das bei Jason Derulo genau so. Er ist mittlerweile einer der ganz Großen im Business – aber wofür steht er eigentlich musikalisch? – Vocoder, freche Samples, meist unterirdisch machistische Texte, und jetzt eben ElektroPopFunk mit Kopfstimme?

Die Konstanten bei Jason Derulo sind weniger im musikalischen Ausdruck zu finden als in der Art, wie er sich inszeniert. Da reiht sich das aktuelle Video schön ein in das, was wir seit fünf Jahren von dem Popstar zu sehen bekommen. Körperkult in Reinform. Übersteigert sexualisiert – und immer schön an der Linie entlang: Aktiver Mann, Lustobjekt Frau.





Mit dem Video wird aber auch wunderbar das Dilemma deutlich, in dem sich der Sänger mittlerweile befindet. Zuallererst fällt auf, dass dieser Mann, der ja wirklich alles darum gibt, besonders potent und sexuell attraktiv zu erscheinen, dass dieser Mann vor allem mit sehr weiblichen Zeichen agiert: Nackt im Bett sich rekelnd, nur knapp die eine Stelle von einem Satinbetttuch(!) bedeckt, Diamanten im Ohr, kunstvoll frisiertes Kopfhaar, ansonsten komplett haarlos, Choreographien, die ordentlich Balletttraining erfordern ... "Echte Männer" wie Bushido oder Pitbull würden das meiste davon vermutlich als "too gay" oder "too pussy" bezeichnen. Und ob sich Rock-Recken wie Dan Reynolds oder Adam Levine so präsentieren würden ... ich hab' da meine Zweifel.

Jason Derulo verkörpert hier also ohne Angst ein völlig anderes Männlichkeitsbild. Das kann man schonmal als ordentlich mutig bezeichnen und auch ein bisschen froh darüber sein, dass sich die Geschlechter-Zeichen in den letzten Jahren tatsächlich so sehr verselbständigt haben. Trotzdem bleibt es in seiner Gestelztheit reichlich genug ordentlich albern. Auch eine Frau, die sich wieder und wieder mit uninspirierten Choreographien oder besonders auffälligem Schmuck als Sexobjekt in Szene setzt ist da nicht besser dran. Muss man sich nur mal Beyoncé, Shakira oder Rihanna anschauen. Alles nicht unbedingt das, was ich mir unter aufgeklärtem und vor allem selbstbestimmten Begehren vorstelle.

Der triebgesteuerte Jason Derulo, der sich bei Want To Want Me vor Geilheit tatsächlich ganz schön unterwürfig inszeniert, repräsentiert also alles andere als ein besonders fortschrittliches oder modernes Männerbild. Er hat nämlich beinahe doch das Problem, dass er in diesem Softporno-Video nicht mehr als klassischer Mann wahrgenommen wird. Seine Rolle droht in der Überinszenierung zu verschwimmen. Also zeigt er uns mit zur Schau gestellten hängenden Crunches, dass er wirklich ein Macker ist. Ein ganzer Kerl. Einer, der seinen Körper komplett im Griff hat und bestimmt wo es lang geht.

Mit dieser reichlich unvermittelt eingestreuten Szene wird deutlich: Sexualisierung und Sex gern, aber vor allem zur Selbstbestätigung – so wie die Jungs im Fitnessstudio ihre eigenen Muskeln gern im Spiegel betrachten und sich unglaublich geil finden. Ob das die Lady toll findet, interessiert nicht. Und die anderen darf man im Spiegel höchstens heimlich betrachten. Generation Selfie, die völlig eitel und selbstbezogen nur sich selbst wahrnimmt.

Es hat sich bei Jason Derulo dann also doch gar nicht so viel geändert. Nur, dass er sich dank seines Erfolges wirklich den einen oder anderen coolen Producer oder Songschreiber leisten kann. Bzw. ihm diese offeriert werden. Im Falle von Want To Want Me gehen die Credits also an Ian Kirkpatrick für die Produktion und Sam Martin (bekannt als Sänger für David Guetta) für das Songwriting. Herr Derulo bleibt weiterhin die recht austauschbare Marionette, die für die eigentlich Künstler*innen Gesicht und Stimme leihen muss.

Freitag, 6. September 2013

Flo Rida Feat. Pitbull: Can't Believe It



Erinnert sich noch jemand, wann Flo Rida den letzten coolen Track veröffentlicht hat? – Ok, Good Feeling war schon ein ordentlicher Ohrwurm. Aber das war ganz wesentlich den Anleihen bzw. der Vorlage von AVICII zu verdanken. Sonst kam ja von Flo Rida eher überproduzierter Kindergartenquatsch mit alberner Bildsprache. Mit Can’t Believe It ändert sich das schlagartig. Denn dieser Song ist wirklich verdammt cool.

Natürlich ist das Ganze – wie sollte es auch anders sein – sexistisch in Hochpotenz. Es reduziert Frauen auf Ärsche und macht sie auch sonst zu nichts anderem als Objekten der männlichen Lustbefriedigung. Sich daran abzuarbeiten ist im Falle von Flo Rida und seinem Steigbügelhalter Pitbull völlig sinnlos. Neu ist in dieser Machotour, dass Flo Rida sich seit langem mal wieder einer Atmosphäre und eines Sounds bemüht, der tatsächlich so sexualisiert daherkommt wie der Inhalt. Das ist ihm seit seinem Debut-Album Mail On Sunday von 2008 kaum mehr passiert. Besinnt sich da ein Pop-Artist auf das, was er tatsächlich kann und ist?

Nun muss man natürlich zugeben, dass ein Großteil der Coolness aus den schlauen Anleihen und Zitaten stammt die in größerer Anzahl Can't Believe It bevölkern. Das heißt, hier hat Flo Rida vor allem mal mit der Wahl der Produzenten ordentlich Glück gehabt. Diese benutzen ziemlich unverkrampft eine ganze Reihe von Erfolgsrezepten.

Zunächst mal bedient sich Can’t Believe it sehr frech einer Hookline / eines Riffs, dass wir fast haargenau so von den White Stripes kennen. Sich an einem Hit wie Seven Nation Army heranzumachen finde ich ziemlich gewagt. – Nun, das Publikum kann damit umgehen und findet’s offenbar sogar gut.



Referenz Nummer 2: Sexy Back von Justin Timberlake produziert von Timbaland. Auch hier ist es wesentlich mehr als die Hintergrundmurmelrufe, die tatsächlich 1:1 übernommen wurden. Die Art wie der Rhythmus in einen peitschenden Elektro-Funk verwandelt wurde ist ziemlich identisch.

Und schließlich entdeckt man auch einen hübschen Verweis auf Yellos Oh Yeah aus dem Jahr 1987.





Natürlich gibt es noch eine ganze Reihe mehr an Verweisen und direkten Zitaten – allein die Kombination der drei oben genannten ist eine ziemlich irrsinnige Mischung, die auch zeigt, dass Sampling und Remixing eine spannende, freudvolle und inspirierende Sache sein kann.

Und so wie sich der Sound durch die Jahrzehnte und Stile arbeitet, so bedient das Video einen Cut-and-Paste-Stil, der auch ein wenig an frühe Computergrafiken aus den 90ern erinnert. Die Regisseure Geremey & Georgie Legs zeigen damit, dass sie sehr genau die aktuellen Entwicklungen in Sachen Musikbebilderung studiert haben. Diplos Butter’s Theme macht nämlich genau dasselbe (und dreht es noch um einige Stufen weiter ins Extreme, was die tatsächlich neue Qualität ausmacht).


Flo Rida Feat. Pitbull – Cant’t Believe It


Diplo – Butter’s Theme

Der Vergleich der beiden Videos scheint mir spannend. Denn auch Diplo spart ja nicht mit Anzüglichkeiten und vor Sexualität strotzenden Wort- , Musik- und Bildspielchen. Im Gegensatz zu Flo Rida & Co. kommt er aber völlig ohne den Macho-Blick aus und ist alles andere als frauenverachtend. Da kann so mancher Pop-Star noch ein bisschen was lernen.

Zum Ende bringe ich hier mal noch einen aktuellen Track ins Spiel, der in Sachen Coolness locker mit Can’t Believe It mithält und den ich hier sicher in wenigen Wochen auch nochmal genauer abfeiern kann: Give It 2 U von Sexyfunk-Master Robin Thicke … haltet mal Ausschau danach.



Freitag, 7. Juni 2013

Robin Thicke feat. T.I.+Pharrell: Blurred Lines



Ich gebe zu, seit ungefähr sechs Wochen gehört Blurred Lines zu meinen Favoriten und begleitet mich regelmäßig durch ein Stück meines Tages. Mir war sofort nach der ersten Begegnung klar: das ist ein Track, der uns den kommenden Sommer begleiten wird. Funky, eingängig und voll mit positiver Energie, ohne dabei auf Party-Happy-Scheißegal zu machen. Blurred Lines bedient sich da eher einer Art klassischer Formel. Und erlangt damit eine Art Ernsthaftigkeit oder nennen wir es auch Erwachsen-Sein, die sich im Teenie-Musikmarkt natürlich so gut wie gar nicht findet.

Der Titel reiht sich ein in eine kleine Auswahl von ähnlichen Singles. Erst letzte Woche habe ich hier Daft Punks Get Lucky abgefeiert. Da geht es ähnlich zu. Nur bezieht sich Robin Thicke weniger auf die 70er Version von Gunk sondern eher auf das was etwas später durch solche Acts wie Prince entwickelt wurde und auch im 90er Mainstream nochmal kurz auftauchte. Und da bin ich auch schon bei einem Vergleich, der sich mir ganz schnell aufdrängte. Ich dachte nämlich schon nach 30 Sekunden: diese Single hätte auch ein George Michael vor 20 Jahren veröffentlichen können.

Jetzt sehe ich schon, wie einige Köpfe fassungslos geschüttelt werden: “George wer? Der 80er Schmuseteddy?” – Ja, genau der. Neben seinen enorm erfolgreichen Balladen definierte er zwischen 1987 und 1992 mindestens ebenso erfolgreich, was sexy Popmusik sein könnte. Natürlich gab es da auch sehr viele schöne Frauen und eine Menge Unterwäsche und Haut in seinen Videos zu sehen. Ich kann mich erinnern, dass es damals schon den einen oder anderen kleinen Skandal deswegen gab.

Eine kleine Auswahl von George-Michael-Videos:

Faith - I Want Your Sex

Freedom! ’90 - Too Funky



Und vielleicht ist es genau dieser Umgang mit Erotik, Lust und Freude am Sexuellen, der tatsächlich die Verbindung zu Robin Thicke ins Jahr 2013 bildet. Denn auch Robin Thicke liebt schöne Frauen und den Sex – und zeigt das auch genauso. Prompt wurde sein Video zu Blurred Lines zensiert. Zu viel nackte Haut – zu viele Busen und zu viel weibliche Geschlechtsorgane.



Natürlich gibt es für die prüde Gesellschaft im Internetzeitalter sofort auch eine zensierte Version. Na gut, wenn die jungen Menschen so viel Angst haben vor Nacktheit, dann ist es vermutlich richtig, sie nicht zu sehr zu erschrecken. (Ich erinner' nur an dieses wahnsinnig verklemmte Video zu Lila Wolken) Dieser doch sehr verschämte Umgang mit Haut führt meines Erachtens jetzt nicht unbedingt zu einem besseren oder schöneren Sexleben. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren ging es beim Zusammentreffen von Mann und Frau vor allem um Party, um eine recht hohe Geschwindigkeit, jede Menge Drogen und vor allem ging es immer wieder um Bitch und Atzen.

Davon hebt sich Robin Thicke gehörig ab. Eigentlich schon eine ganze Weile. Aber es waren halt schlechte Zeiten für so einen wie ihn – der Mainstream nahm eher keine Notiz von ihm und seiner Definition von Liebes-Spiel. Jetzt aber scheint mit dem allgemeinen neokonservativen Trend auch eine Art Rückbesinnung auf so ein Gentleman-Ding zu geben, der Frauen eben ein bisschen anders begehrt, sie vergöttert und nicht so sehr über SEIN Blingbling oder mit einer Menge Alkohol und Drogen zu überzeugen versucht. Dass dieser Gentleman gleichzeitig auch ein ungeheurer Macho ist, selbstüberzeugt und auch ein bisschen selbstverliebt, das kann man an Robin Thicke ganz deutlich sehen. Ich mein’, das muss man erstmal schaffen in seinem eigenen Video mit “Robin Thicke has a big dick” aufzuwarten – egal wie tausendmal ironisch das Ganze gebrochen ist. Aber da ist der Herr Thicke schon ordentlich 90er, 80er oder noch Schlimmeres.

Ja, auch bei George Michael waren die Frauen sehr oft nackt. An der einen oder anderen Stelle tauchte allerdings auch der Sänger in erotischer Inszenierung und ohne Bekleidung auf. Das fällt Robin Thicke jetzt eher nicht ein. Was natürlich auch schade ist, denn der Herr kann mit gutem Gewissen gutaussehend genannt werden.

Im Jahr 2013 aber ein Video zu drehen, in dem die Frauen allesamt nackt herumlaufen, während die Männer sich nur im Anzug präsentieren, das würde ich schon als frauenverachtend bezeichnen. Die Frauen sind also die Sexobjekte – die Kerle haben ganz wortwörtlich die Hose an. Da sind die Wertvorstellungen ziemlich deutlich präsent und nicht verhandelbar. Schade eigentlich.

Ich glaube Robin Thicke hätte noch eine ganze Menge mehr Freude am Sex, wenn er nicht nur den starken Hengst spielen würde. Oder soll er ihn ruhig spielen, aber bitte nicht mit der Sicherheit, dass sowieso schon alles klar ist. Dann hätten auch die anderen mehr Freude, denn dann müsste das Balzritual noch ein wenig ausgefeilter sein. Da reicht dann nicht einfach der Verweis auf einen großen Schwanz – da müsste dann mindestens auch dahinter stehen: And He Knows How To Use It.



Um den Vergleich mit George Michael visuell noch ein bisschen zu untermauern, auch von Robin Thicke eine kleine Auswahl an Videos:
Sex Therapy – Lost Without You