Freitag, 25. August 2017

Justin Bieber + BloodPop(R): Friends



Großartig! Ganz einfach.

Es gibt selten Songs, die mich auf Anhieb umhauen. Dieser gehört dazu. Obwohl die Voraussetzungen dafür gar nicht gut waren: Justin Bieber hat in letzter Zeit eine Menge Quatsch veröffentlicht. Positiv könnte man formulieren: Der hat halt vor nichts Angst und ist wahnsinnig vielseitig. Leider führt das nicht immer zu besonders tollen Produktionen. Zwar sind die Auftritte bei DJ Khaled, David Guetta und Luis Fonsi alles Hits geworden, aber mal ehrlich: was genau war an denen so einzigartig? Ich würde sogar behaupten, dass die bloße Nennung von Herrn Biebers Name jeweils schon genügt hat um den Erfolg der Produktionen nicht ganz unerheblich zu beeinflussen. Gute Vermarktung - Kreativität eher minimal.

Bei Friends ist das eigentlich ähnlich. Es ist weniger Justin Biebers Gesang, der mich so überrascht. Obwohl es mir gefällt, dass dieser im Zentrum des Ganzen steht. Es ist die Produktion von BloodPop(R), die ganz geschmeidig an aktuellen Sounds ansetzt und eine flockige Pop-Nummer drausmacht. Und zwar in ganz klassischem Sinne. Schwungvoll, eingängig, mit einer ordentlichen Portion Kitsch drüber, gerade so, dass es zuckrig genug ist um Lust auf mehr zu machen. – Ich hab gar nicht gewusst, dass es überhaupt noch möglich ist solche Songs zu machen.

Das ist vielleicht auch der Grund für meine Euphorie: Die Erwartungshaltung an kommerziell erfolgreiche Musik sind bei mir derzeit sehr sehr niedrig. Die meisten Produktionen segeln aktuell derartig an der Hitgarantie entlang, da passiert selten mal ein echtes Gefühl.
Wenn dann ein junger Mann wie BloodPop daher kommt und Produktionen abliefert, die mich auf Anhieb anrühren, dann ist das schon ein bisschen sensationell.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass es nicht der Name BloodPop ist, der die Menschen Friends lieben lässt. Obwohl der Produzent schon bei Sorry an den Mischpultknöpfchen mitgedreht hat und dort (in Kooperation mit Skrillex bewiesen hat, dass er den Teenie-Star sehr gut und zeitgemäß inszenieren kann. Jetzt offiziell als Künstler benannt, könnte er der nächste Produzentenstern am Pop-Himmel sein. Was mich nach den ersten Hör-Eindrücken tatsächlich freuen würde.

Wäre ja schön, wenn es neben den Brachial-Poppern The Chainsmokers auch noch ein oder zwei Namen gäbe, die mit etwas mehr Feingefühl meinen Alltag versüßen. Digital Farm Animals gehört dazu. Und noch etwas elektronischer angereichert Fujiya & Miyagi und Flume. Das könnte die neue, junge Garde des Pop sein, die es schafft, mit verschiedenen Stilmitteln umzugehen und tatsächlich schöne Zwischentöne zuzulassen. Da muss jetzt nur noch das Publikum mitspielen. Ob das derzeit für emotionale Anrührung zu haben ist. Ich weiß es nicht.

Freitag, 18. August 2017

P!NK: What About Us



Es hat doch ganz schön lang gedauert bis P!NK mal wieder so richtig präsent ist mit neuem Material. Hier kommt sie also - und beginnt deutlich politisch.
Sounds von Straßenriots zu Beginn ihres Videos, Schnipsel aus Politikerreden und dann "God bless you and god bless America" - immer noch patriotisch. Einpolitischer Anti-Trump-Song ist das wohl nicht.

Und dann beginnt tatsächlich ein Popsong, den P!NK in dieser Art noch nie zuvor veröffentlicht hat. Selbst ihr Einstand Get The Party Started war wesentlich rauer. Hier sind es Piano-Harmonien, die sich in steter Wiederholung zum Höhepunkt hochschrauben. Das Ganze klingt natürlich auch ein bisschen nach Coldplay und so hat Produzent Steve Mac doch noch die Kurve gekriegt zum Song, der nah genug am Mainstream ist um sich zu verkaufen und trotzdem noch so ein bisschen Independent-Feeling mit sich bringt.



Hört man ein wenig auf den Text, dann wird schnell klar: Das könnte doch ein Protest-Song sein. Allerdings drückt sich die Sängerin vor allzu klaren Aussagen. Ja, das lässt sich alles lesen als ein Abgesang auf dumme, undurchdachte Politik - aber wen meint sie denn da mit "We" and "You"? Das ist dann doch eher ein ungerichtetes "Die da oben"-Geschimpfe. Nicht sehr konstruktiv, nicht besonders klar. Aber immerhin genug Anknüpfungspunkte um mitzuzetern. "Was ist mit uns?" ist ja grundsätzlich erstmal ein Forderung, in die viele einstimmen können. Jede*r fühlt sich ein bisschen außen vor gelassen. Auch die Mächtigen und Bestimmenden.

Das ist alles ein bisschen schade. Wenn P!NK ein wenig genauer sagen könnte, was sie da so annervt, dann wäre dieser Song vielleicht wirklich was für die Rubrik "Populäre Protestsongs" - so bleibt es eine ganz eingängige Pop-Produktion für irgendwie die falsche Sängerin. Celine Dion hätte hier vermutlich mit mehr Pathos auch ganz gut reingepasst.

Freitag, 11. August 2017

Calvin Harris Ft. Pharrell Williams Katy Perry & Big Sean:
FEELS



So poplastig kann also Reggea daher kommen. Und sich dabei sogar noch einigermaßen gut anfühlen. Mir geht es jedenfalls so, dass ich ordentlich froh darüber bin nicht noch eine kifferverrauchte oder völlig verpeilte Blödelnummer auf diesem Sound hören muss. Wahrscheinlich ist das ganz schön spießig, aber ich finde in diesem Fall ziemlich super, den Nischensound rauszuzerren ans Licht, durch die Mainstream-Maschinerie zu quetschen und dann der Normalität preiszugeben. Geht natürlich einher mit jeglichem Verlust von dem, was Reggea früher früher auch mal war.

Das alles geht für mich aber klar. Vor allem auch, weil die vier Superstars gar nicht erst versuchen mir vorzumachen, dass sie jetzt besonders alternativ oder cool sind. Sie machen halt Kaugummi-Pop. In aller Konsequenz. Deshalb ist auch das Video so gnadenlos Plastik. Kunstblumen, eine Palmeninsel aus der Augsburger Puppenkiste und jede Menge schlechter Videoeffekte. Das ist derartig weg von der Masse der aktuellen Videoproduktionen, dass es fast schon anti wirkt. - Aber keine Angst: Ich kram hier nicht den Rundumschlag raus und versuche zu beweisen, dass Pop im Grunde auch subversive Züge hat.



Für Calvin Harris ist diese Produktion eher ungewöhnlich. Glücklicherweise hat er sich ja innerhalb der letzten Monate doch das eine oder andere Mal getraut, seinen altbekannten Brettersound sein zu lassen und was anderes auszuprobieren. Mit diesem Ausflug beweist er, dass er schon ein ganz gutes Gefühl für Leichtigkeit und Spaß haben kann. Pharrell Williams ist bei Feels der Prägende. Sein Gesang, sein Gespür für Funk bestimmen die Produktion. Und ich könnte mir vorstellen, dass er bei der Entstehung des Ganzen ordentlich mitgemischt hat. Schöne Kombi würd ich das mal nennen.

Big Sean dagegen bringt einen ordentlich Bruch in das Ganze. Ich weiß ja auch nicht, warum jetzt wieder überall ein Rap-Part eingefügt werden muss. Das ist ziemlich 1:1 das, was in den 1990ern auch schon Usus war. Na gut, vielleicht wäre Feels ohne diese Unterbrechung auch wirklich etwas zu langweilig. Bekanntlich machen Gegensätze eine Sache ja durchaus erstmal interessanter.

Nun läuft also Feels nach etwas Anlaufschwierigkeiten doch auf allen Servicewellen und hat auch gerade im Vereinigten Königreich die Nummer 1 erreicht. Schön, dass es neben Despacito dann doch noch einen anderen Sommerhit in diesem Jahr gibt. Der ist zwar viel mehr Kindergarten als die Testosteron-Hymne aus Puerto Rico und erreicht vermutlich genau deshalb doch eine ganze Menge Menschen weniger. Aber auch das muss man sich ja erstmal leisten können: Auf Marktanteile verzichten, weil man eben nicht die brezdämlichsten Klischees wiederholt.

Und zu guter Letzt schreib ich auch das noch (obwohl das ja total verpöhnt ist bei Beschreibungen von Musik): Feels macht ganz gute Laune. Wenn man sich drauf einlässt.

Freitag, 4. August 2017

J Balvin & Willy William: Mi Gente



Ist das der nächste lateinamerikanisch infizierte Superhit? – Gut möglich.
Und was ist an dieser Produktion besser als an Despacito?

Erstmal, dass Mi Gente auf das kitschig-süßliche Latino-Hit-Umfeld verzichtet. Es gibt da recht wenig schwülstig getragene Gitarrenklänge oder Rumba-Samba-Lambada-Gewäsch. Dagegen mischt die Produktion die durchaus lateinamerikanischen Rhythmen mit zeitgemäßen westlich-europäischen Stilmitteln. Im besten Fall ist das eine Fusion, wie sie durch DJs/Produzenten wie Snake oder Diplo schon eine ganze Weile zelebriert wird. Willy William ist also der nächste in der Riege der mutig Kombinierenden und Mixenden.

Heraus kommt eine Mischung, die sowohl in Kolumbien als auch in Frankreich funktioniert. Spannend ist dabei zu beobachten, dass der Kolumbianer sich insgesamt viel westlich-europäischer inszeniert, als wir das aus den vielen verklärten Reportagen und Reiseberichten gewohnt sind. Und der Franzose Willy William zitiert ganz fröhlich eine Folklore, die nicht wirklich seine ist. Sehr hübsch wie in einer globalisierten und sich mehr und mehr mischenden Welt die Verweise und traditionellen Bedeutungen verschwimmen und auflösen. Ist das nun afrikanisch, europäisch, lateinamerikanisch?



Konsequenterweise fehlt im Video zu Mi Gente auch weitestgehend das karibische Palmen- und Strandgedöns. Statt ständig heißer Tag am Strand ist es auch mal Nacht. Der Danceclub ersetzt die Latino-Disco. Und die folkloristische Wandbemalung ist lediglich digital animiert und mit einem Fingerschnipsen weg.

Hier entsteht eine dunkle Welt, die an Blade Runner erinnert, und trotzdem wesentlich mehr Spaß und Lebensfreude vermittelt. Warum soll es auch in einer kulturell-durchmischten Welt keine schönen Seiten und Momente geben. Nur weil wir nicht mehr am jahrhundertelangen Paartanz festhalten, heißt das ja nicht, dass es nicht weiterhin um Paarungsrituale geht.

An Mi Gente überzeugt mich am Ende vor allem der sparsame fast minimalistische Einsatz der musikalischen Mittel. Visuell bunt - akustisch auf den Punkt reduziert: Rhythmus, ein paar Percussion-Elemente, Gesang und ein endlos wiederholter Loop. Brauchen wir mehr für eine gute Party?

Freitag, 28. Juli 2017

187 Strassenbande feat. Bonez MC & Gzuz:
Millionär

Erzähl mir was über die 187 Strassenbande. Sie sind diejenigen, die seit einem Jahr die Charts aufmischen. In den unterschiedlichsten Konstellationen. Ihr aktueller Sampler 4 schafft es zwei Wochen hintereinander die Album-Charts anzuführen. Das kommt derzeit eher selten vor und ist vor allem solchen Acts vorbehalten wie Helene Fischer oder Ed Sheeran. Sie stehen auf dicke Autos - Fast & Furious lässt grüßen. Und sie inszenieren sich ganz gern als die harten Jungs. Runtergepitschte Stimme, die möglichst böse klingt - rüde Sprüche mit Nutten, Koks und jeder Menge Verachtung für alles, was irgendwie nach Legalität, Recht oder Ordnung klingt - Gangster-Style in Reinform. Und natürlich ist Geld und Luxus das A und O. Nichts anderes macht sexy, anerkannt, mächtig.

Davon träumen heimlich die deutschen Jungs. Es gibt sehr kluge Jungmänner, die sich gern und offen dem 187-Fantum hingeben. So rotzfrech möchten sie eigentlich auch sein. Und wenn dann Gzuz die Bundesliga kommentiert, dann kriegen sie mindestens einen Ständer.

Die 187 Strassenbande sind richtige Männer, keine Weicheier. Witzig, dass mir genau hier der Film Moonlight einfällt. Ist schon schwierig, im aktuellen Medienzitatendschungel mit einer knallharten Haltung verschont zu bleiben von doofen Vergleichen, Häme und Spott. Wobei sich die Medien in Sachen Strassenbande eigentlich ziemlich einig sind. Das ist irgendwie das sehr verunsichernde. Wenn HipHop-Experten ungefähr der gleichen Meinung sind wie die Autoren des Kommerz-Mainstream-Magazins, dann ist das irgendwie schon komisch. - Aber gut, Vin Diesel ist ja auch ein Medienstar in allen möglichen Kanälen.

Und warum ist es Millionär, das so ungemein durch die Decke geht?
Sicherlich ist das Zitat aus dem Popcharts der 90er ganz gehörig schuld dran. Mit Zombie von den Cranberries sind die heutigen Jungmänner aufgewachsen. Die Melodie jetzt zu hören setzt etwas Unterbewusstes frei. Wie schön war es doch als kleiner Junge. Cowboy und Indianer, gut und böse - das war alles klar eingeteilt. Und als Draufgänger war man natürlich immer der wilde Haudegen. Oder war gerade das verboten und jetzt mit 18...19...20 kann ich nochmal richtig meine Träume ausleben?

Ist an dieser Stelle wahrscheinlich nur eine ganz lächerliche Seitennotiz, dass Zombie so ziemlich das Gegenteil von dem verkörpert, was die Strassenbande gerade fordert. Aber auch das ist ja nix Sensationelles im Pop der 10er. Gerade das Umdeuten, Verkehren und Ausweiden ist derzeit ganz gern die Quelle für Spaß und Lacher.

Wenn die Gangster sich also richtig abfeiern, dann kann ich ruhig auch ne Mallorca-Verkleidung anhaben. Bloß ernst nehmen darf ich das Ganze nicht.

Freitag, 21. Juli 2017

Miami Yacine: Bon Voyage



Defintiv hat die neue Generation deutscher Rapper nun die Herrschaft übernommen. Bushido der böse Junge hat es zwar vor gut einem Monat noch auf Platz 1 gebracht, im Streaming aber waren seine Albumtracks ganz schnell wieder raus aus der Liste. In dieser Woche schafft es der selbsternannte King Kollegah mit seinem Album Legacy grad noch auf Platz 2 hinter der 187 Strassenbande. Die stürmen gleichzeitig mit 15 Tracks auch die Singles-Charts ... müssen sich aber wiederum ihren ärgsten Konkurrenten geschlagen geben, nämlich Miami Yacine von der Dresdner KMN Gang. Sieht so aus, als ob gerade der albernere und näher am Schlager gebaute HipHop wesentlich mehr Erfolge feiert. Was ja auch klar ist, denn auf Miami Yacines Bon Voyage können garantiert mehr Leute als auf die doch brutaler inszenierten Tracks der 187 Strassenbande.

Spannend finde ich, dass trotz des offensichtlichen Spaßfaktors so einer wie Miami Yacine dann doch auch so etwas wie Ansehen in der Szene genießt. Hat es der deutsche Rap nun endlich geschafft so Mainstream wie in den USA zu sein, also unverhohlener Pop, und trotzdem die Erzählung von den Jungs aus dem Ghetto aufrecht zu erhalten. Alle Achtung! Nach 20 Jahren Rumgegurke setzen sich also auch hierzulande internationale Standards durch.

Bezeichnend auch, dass das im Fall der KMN Gang tatsächlich die Outlaws der Gesellschaft sind. Braucht man nur jedes x-beliebige Presseprodukt der letzten Monate aufzuschlagen und da findet man was von den kriminellen Marokkanern und Libanesen, die sich nicht zusammenreißen können, deutsche Frauen angrabschen und sowieso nur Drogen dealen.

Dieses Stereotyp greift Miami Yacine gern auf. Und rankt drumrum die beliebtesten Reiseziele aus dem Neckermann-Katalog sowie die typische Liste von Luxusmarken bis hin zu Yohji Yamamoto(!). Das dazu natürlich der unbegrenzte Konsum von Rausch- und Genußmitteln aller Art (polizeideutsch: Drogen) gehört, bei Miami Yacine keine Frage. Hier geht es eben nicht nur um Schwanzvergleich sondern um wirklichen Spaß. Bekifft und bekokst sein als Lebensinhalt. Macht mit Ladies natürlich mehr Spaß, da aber jeder weiß dass das nicht immer so gut zusammen geht mit dem Ganja und dem Sex, sind die Frauen dann doch eher Nebensache. Oder Dekoration. Weil's halt im Business so dazu gehört.



Es tut sich also einiges im Geschäft. Bon Voyage hat kein Problem damit, zu Beginn ein Gitarrengeklimper zu präsentieren, wie es in Despacito auch vorkommt. Liegt natürlich nahe – sind ja auch nur Machos, aber eben glattgebügelte aus dem Mainstreamfernsehen. Davor hat Miami Yacine nun wirklich keine Angst. Er präsentiert seinen Körper als wär er das nächste Germany's Top Model: gut durchtrainiert, ganzkörperepiliert und in chice Fummel gesteckt. Was war noch mal der Unterschied zu Heidi's Girls?

Jetzt können sich die harten Jungs mal schön darüber aufregen, wie Scheiße das ist. Der nächste Diss-Track kommt bestimmt. Wobei ... ist das eigentlich noch HipHop? Cro nimmt doch auch niemand von den Hartgesottenen ernst.
Wahrscheinlich ist es eher so wie mit Helene Fischer: Als wirklich qualitätsvoll würde die niemand bezeichnen, hören und abfeiern danach tun aber alle. Ich denk' mal Miami Yacine ist bereits in diesen Club aufgenommen und darf sicherlich bald im ZDF-Samstagabendprogramm auftreten. Gratulation!

Freitag, 14. Juli 2017

/\ (Axwell/\Ingrosso): More Than You Know



So ganz ohne Hits lässt es sich dann wohl doch nicht leben. Denn ursprünglich waren Axwell /\ Ingrosso nach dem Split der Swedish House Mafia etwas mehr in Richtung rauem Dancefloor unterwegs. Waren zumindest so ihre Aussagen. So ganz unterschreiben würde ich das nicht ... aber natürlich ist das auch immer eine Frage des Ausgangspunktes. Und wenn man von Mainstream-Höhen à la Swedish House Mafia kommt, dann ist eine Neuerfindung des Techno im Stile von Louisahhh!!! eben nicht zu erwarten.

Das ist ein bisschen das Problem von Axwell /\ Ingrosso: Es gibt eben wirklich sehr viel aufregendes Dancefloor-Zeug neben ihnen zu entdecken. Und deshalb kann ich bei ihren Produktionen irgendwie doch nie so richtig in Jubelstimmung fallen.

Wobei ich auch sagen muss: More Than You Know hat mich dann doch überrascht. Irgendwie hatte ich diesen Pop-Appeal des Songs nicht erwartet. Was ja dann auch heißt, dass Axwell /\ Ingrosso es doch irgendwie geschafft haben, sich als mehr oder weniger abseitig zu inszenieren.

Vielleicht ist es aber auch diese Reminiszenz an alte AVICII-Hits wie Wake Me Up!, die bewusst oder unbewusst eingebaut ist. Beginn mit Gitarre und Stimme von Kristoffer Fogelmark. Dann folgt ein sanfter Beat und nach dem ersten Refrain den Break in den gebrochenen Trompeten-Beat.

Das Video liefert passend dazu die Geschichte einer eskalierenden Party-Nacht. Das ist Hochtempo, nicht immer ganz nachvollziehbar und bis an die Grenze gehend. Ich weiß nicht so genau, wie es danach weitergeht. Möglich ist alles.



Was bleibt von diesem Song? Im besten Fall ein paar Impressionen. Wie Filmstills. Wahrscheinlich aber eher lediglich die Möglichkeit, den Return-Button zu drücken und sich nochmal reinzuschmeißen. Auch wenn die Batterie gleich völlig runter ist.
Schöne Konsequenzlosigkeit.

Freitag, 7. Juli 2017

French Montana Featuring Swae Lee: Unforgettable



Es gibt Riesenungerechtigkeiten auf dieser Welt und vor allem zwischen den Kontinenten. Das ist ein Allgemeinplatz, der nicht nur während eines G20-Gipfels präsent ist. Trotzdem wird dieser Fakt in der westlichen Welt ganz gern ignoriert. Es lässt sich einfacher über das eigene kleine Unwohlsein jammern als zu bemerken: Wir leben in purem Luxus.

Ein paar Künstler und Künstlerinnen haben trotz aller Lust auf ein schönes Leben, Unterhaltung und Ablenkung nicht vergessen, dass es eben nicht überall nur lustig ist. Häufig haben diese Menschen das richtige Scheiß-Leben selbst mitgemacht. French Montana zum Beispiel. Seine Biographie liest sich vor allem in den Kinder- und Jugendjahren reichlich katastrophal. Kaputte Träume, minimale Chancen, Gewalt in seinem Umfeld ... gute Voraussetzungen für eine kriminelle Laufbahn. Die er aber nicht einschlug.

Dazu gehört eine Menge Rückgrat, zumal gerade im Rap und HipHop-Business neben ausgestelltem Blingbling gern auch eine gehörige Portion Gangstertum zum guten Ton gehört: Wer kein Rüpel ist, ist kein guter Rapper.

Ohne sich zum Engel hochzuschwingen macht French Montana also sein Ding. Gründet sein eigenes Label, arbeitet mit allen möglichen Größen des HipHop zusammen und erlangt nach und nach Erfolg und Bekanntheit. Mit 32 schaut er zurück, erinnert sich an den Mist, den er und seine Familie erlebt haben und nimmt Unforgettable auf.

Ja, der Song dient einem guten Zweck. 100.000 $ wurden an das Ugandas Mamas Hope gespendet. Und trotzdem ist er kein weinerlich-pathetisches Ding, sondern ein cooler Hit mit einem positiven Video. Wir sehen zwar den Dreck und die Armut in Kampala, aber vor allem sehen wir die Kids, die Spaß an der Musik haben und auch ohne Goldketten und dicke Autos ganz gut aussehen. Und trotzdem gelingt es dem Video, nicht zum Sozialkitsch zu werden. Die gute Laune ist zwar echt, der Blick in den Gewehrlauf aber nur drei Sekunden entfernt.



Die ungefilterte Realität lässt den ganzen inszenierten Gangsterkram, der gerade besonders beliebt bei deutschen Rappern ist, ordentlich albern aussehen. Das Leben hier ist mal krass, nicht euer scheiß Drogendealerleben. Einer der wenigen, der das begriffen hat, ist vielleicht Marteria. Nicht umsonst ist der nicht nur aktuell in Südafrika unterwegs sondern war schon vor vier Jahren auf Musikersuche in Uganda.

Wahrscheinlich ist es genau dieser Gegensatz zum testosterongetränkten deutschen HipHop, der mir an Unforgettable so gut gefällt. Und einigen anderen offenbar auch. Die Beats sind nicht fitnessstudioaufgepumpt, sondern liegen einfach auf der Tonspur, treiben uns voran ohne Bombastdonner und machen Spaß. Ich muss mich auf der Tanzfläche nicht als der ultracoole Macker beweisen, ich kann einfach mitmachen, auch mal einen Schritt daneben machen und trotzdem gehöre ich zur Crowd.

Ähnlich die Lyrics, die von Begehren und Lust erzählen, auf das ständige Bitch-Gesülz aber verzichten. Eine Angebetete kriege ich eben eher mit Komplimenten an meine Seite als mit dummen Sprüchen. Und ich schätze, dass der Sex zu Unforgettable 1000x befriedigender ist als zu einem Karnickel-Rammelbeat. Sorry, auch wenn ich NIMO oder Mert vielleicht sogar lustig finde, mit wirklichem Leben hat deren Inszenierung nichts zu tun. Nach einem ganzen Tag im virtuellen Raum hab ich zu Hause dann eher keinen Bock mehr auf noch mehr Breitleinwandfantasien.

Ich find, ein bisschen mehr Entspanntheit in der Art von Unforgettable täte unserer Welt tatsächlich gut. One Dance ist ja mittlerweile auch schon mehr als ein Jahr her.



Freitag, 30. Juni 2017

jonas Blue Featuring William Singe: Mama



Woran denkst du, wenn du eine richtig gute Zeit hast? Mit der Freundin chillst, eine Poolparty feierst, entspannt im Club abhängst? – Ich behaupte mal: Sicher nicht an deine Mutter. Falsch!
Die Generation Jonas Blue kann nicht unbeschwert die Jugend genießen, sie muss auf alle Fälle noch zu Hause bescheid sagen, dass sich Mama nur keine Sorgen macht. Wir sind ja im Morgengrauen zurück. Und wir machen auch nichts Schlimmes. Drogen? - Niemals! Austesten, wo die Grenzen sind? - Nonono! Einfach mal etwas Unvernünftiges tun? - Auweia! Jung sein? - Was ist das?

Davon handelt der neue Hit von Jonas Blue, zu dem er sich den australischen Sänger William Singe ins Studio geholt hat und der wieder ein harmlos seichtes Stückchen Tropical House ist. Damit bleibt der Brite seinem Erfolgsrezept treu. Neu ist höchstens, dass auch der lässig gestylte Sänger nichts anderes als ein Bübchen ist, das lieber nicht von zu Hause auszieht. Ist doch ganz bequem dort. Und wenn die Eltern ohnehin alles ganz antiautoritär durchgehen lassen ... Warum soll man da noch rebellieren?

Laut wikipedia-Artikel ist Mama ja ein Titel über die Freiheit der Jugend, die Unbeschwertheit. Könnte man beim Tropical House-Sound auch genauso vermuten. Nichts stört das Glück. Perfekt! – Dass es dann doch der Erklärung zu Hause bedarf, zumindest der Mitteilung: "Bin im Morgengrauen wieder da." hat irgendwie aber den Geschmack, dass es eben doch nicht so harmlos und lustig ist, wie es scheint. Wenn es nämlich plötzlich vor lauter Schönheit und Genuss etwas länger dauert als Morgen früh, was dann?

Diese Diskrepanz stört die meisten Menschen eher nicht. Es ist sogar zu vermuten, dass sie diese gar nicht wahrnehmen. Zumindest machte kürzlich eine (nicht repräsentative) Umfrage unter Fans von Xavier Naidoo deutlich, dass die Texte so richtig niemand wahrnimmt. "Die Musik ist halt schön.", war die häufigste Aussage.

Mama könnte also gut und gerne auch ein Lied sein, dass gar keinen Text braucht. Warum dann William Singe überhaupt ins Studio eingeladen wurde, ist ein bisschen rätselhaft. Vielleicht hat er einfach nicht viel gekostet. Und so ein Text, den man irgendwie selbstvergessen und verstandslos mitsingen kann, erhöht ja irgendwie auch den Wiedererkennungswert.

Betrachte ich also die Produktion als ein Ergebnis aus sehr berechnendem Kalkül. So muss es klingen, dann wird es ein Erfolg. Vor dieser Folie funktioniert auch das Video ganz gut. Das gibt nämlich vor eine Gangsterstory zu erzählen, am Ende ist es aber eher ein Setting, dass schön Strand- und Landschaftsaufnahmen kombiniert mit ein paar Produkten der Luxusgüterindustrie. Das ist die Freiheit, die zählt: Ein schnelles Auto und chice Sonnenbrillen. Was wünscht sich der junge Mensch im Jahr 2017 mehr? Ach ja - die Mama, die das alles bezahlt. Prost!


Freitag, 23. Juni 2017

DJ Khaled Rihanna Bryson Tiller:
Wild Thoughts

Mit Wild Thoughts beweist DJ Khaled, dass er ein bisschen mehr drauf hat als Hampelmannmusik zu machen und sich im Social Web als debiler Serienstar zu vermarkten. Wild Thoughts verknüpft musikalisch tatsächlich ein paar Elemente, die im Zusammenspiel etwas ergeben, was ich zumindest nicht völlig in die Ecke Beliebigkeitsbrei stecken würde. Auch wenn die Zutaten nun wahrlich nicht völlig überraschend sind.

Es beginnt mit einem simplen und coolen Beat, der sehr schnell mit einer lateinamerikanischen Gitarrenmelodie ergänzt wird. Rihanna singt, ein paar Streicher setzen ein und als Refrain gibt es einen Gitarrenriff von Santana, der uns im Sommer 2000 begleitete. Da DJ Khaled an dieser Stelle verzichtet noch mehr Zutaten in den Topf zu packen – na gut, er darf sich eins-zweimal in guter alter Rap-Manier selbst preisen – ist der Song insgesamt doch ganz cool. Da lässt sich in heißen Nächten schonmal ein bisschen der Dancefloor bemühen. Allemal ist diese Variante karibischen Flairs spannender als der 101. Aufwasch von Luis Fonsi.



Zu lange Lobeshymnen verbieten sich allerdings, denn wenn ich mir das Video und Artwork zu der Single betrachte, dann fühle ich mich schon ordentlich in die 2000er zurück versetzt. Dekorationswahn und Luxusdemonstration wird hier in Höchstform zelebriert. Söhnchen Asahd wird königlich inszeniert. Warum eigentlich?
Ist es wirklich geil, wie ein arabischer Scheich zu leben? Und was daran genau ist so attraktiv?

Einmal mehr erwische ich mich dabei, wie ich realisiere, dass es eine ganze Menge Menschen gibt, die durch Armut und dadurch resultierende Unwissenheit einfach abgehängt sind. Als benachteiligter Mensch – aus welchen Gründen auch immer – ist mir schnell egal, was andere vor mir schon geschaffen haben, was andere denken und wie es gehen könnte, dass mehr Menschen auf der Welt ihr Glück finden. Wenn ich mein Leben lang kämpfen musste um akzeptiert zu werden oder überhaupt zu überleben, dann ist das Ziel eben vor allem mein eigenes Wohlbefinden. Und das der nächsten Familie natürlich. Moral, ethisches Bewusstsein, Rücksicht – fuck off!

Und da sich mittlerweile doch einige Menschen auf diese Art hocharbeiten konnten – soll heißen: sich Villa, Pool und schnelles Cabrio leisten können – darum gibt es in der Zwischenzeit auch eine Schicht in der Gesellschaft, die von den immer schon Privilegierten zwar überhaupt nicht akzeptiert werden, von den weiterhin Ausgegrenzten aber reliquienhaft verehrt werden. Und in dieser Schicht gelten besondere Regeln. Zum Beispiel, dass es eben cool ist, seinen erkämpften Status zu zelebrieren. Undauch: Die Regeln, die es einem doch überhaupt erst so schwer gemacht haben, auf gar keinen Fall zu ändern, sondern in besonderer Konsequenz und Arroganz aufrecht zu erhalten und mitzuspielen.

So etwas geht mir also durch den Kopf, als ich Bryson Tiller rappen höre – da habe ich noch nicht ein Wort von dem wirklich wahrgenommen, was er da von sich gibt. Und wahrscheinlich tue ich ihm unrecht mit meinen Vorurteilen. Gleichzeitig weiß ich, dass ihm das ziemlich egal ist, was so ein Volltrottel denkt. So wie es DJ Khaled vermutlich auch völlig egal ist, ob ich seine Musik mag oder nicht. – Wobei ... der ist vielleicht nicht drauf angewiesen, was ich als Einzelner denke, aber sobald eine größere Menge von Konsumenten kein Interesse mehr an seinem Lebensstil zeigt, wird es ihn schmerzen. Denn das was er wirklich braucht zum Überleben ist Aufmerksamkeit. Ich denke, er wird diese noch eine ganze Weile erhalten.

Freitag, 16. Juni 2017

David Guetta Ft. Justin Bieber: 2U



Es war abzusehen, dass sich irgendwann die derzeit international produktivsten und erfolgreichsten Chartacts zusammentun müssen. David Guetta, der die frühen 2010er beherrschte wie kein anderer, bereitet ein neues Album vor. Dieses dürfte die Hit-Veröffentlichungen des letzten Jahres This One's For You, Would I Lie To You und Shed A Light ebenso enthalten wie das im Frühjahr veröffentlichte Light My Body Up, das mit ziemlicher Deutlichkeit beim Publikum durchfiel. Die Zusammenarbeit mit dem aktuellen Superstar Justin Bieber ist dagegen eine sichere Sache. Der kann zur Zeit nämlich machen was er will – spanisch singen oder mit einem Rap-Produzenten halbnackt um den Pool springen – es wird ein Hit. So also auch 2U.

Um die Single herum erschien ein Haufen Promozeug. Das machen Musikfirmen mittlerweile nicht mehr allzu oft. Es sei denn, sie wollen absolut sicherstellen, dass die Veröffentlichung gleich in der ersten Woche richtig knallt. So ist es hier der Fall. David Guetta darf seine Bewunderung für den kanadischen Sänger erläutern und ein Video mit Modells der Marke Victoria's Secret erscheint. Hat alles wenig mit dem eigentlichen Song zu tun – schafft aber ordentlich Aufmerksamkeit.



Da der Song sich insgesamt ordentlich am aktuellen Future-Bass-Chainsmokers-Sound orientiert, ist dann auch ganz schnell eine riesige Fanschar zugegen, die das Ding auf ihre Player lädt und sich den Alltag beschallt. Zu den auffälligsten Merkmalen gehören demnach heftige Brüche zwischen dem romantischen Gesang Justin Biebers und den Synthesizer- und Vocoder-Einsprengseln. Und damit bin ich auch schon durch mit der Beschreibung, was 2U so bietet. – Insgesamt ist das ordentlich erschreckend, wie wenig es benötigt um sich in der Masse durchzusetzen. Da ist nicht mal mehr clevere Vermarktung zu finden. Alles 08/15.

Ok - ihr dürft es lieben. Ihr könnt es kaufen. Ein Meilenstein ist es definitiv nicht. Höchstens das Cover würde ich als zeitgemäß und mit dem kryptischen Titel als interessant beschreiben. Ansonsten findet man die Höhebpunkte des Genres eher bei Leuten wie Flume.

Freitag, 9. Juni 2017

Imagine Dragons: Thunder



Jetzt werde ich wohl doch noch ein Fan von den Imagine Dragons. Zumindest überzeugen mich die letzten Veröffentlichungen schon ordentlich. Es begann im Sommer letzten Jahres als mit dem Soundtrack zum ansonsten irgendwie auch einfallslosen Suicide Squad erschien. Sucker For Pain war da eines der Highlights. Nicht zuletzt, weil Sänger Dan Reynolds dem Refrain einen ordentlich inbrünstigen Wiedererkennungswert gab.
Dann folgte Anfang diesen Jahres die erste Single aus dem neuen Album: Believer. Die war trotz (oder wegen?) ihrer Geschmeidigkeit kombiniert mit Falsett-Refrain ein faszinierender Streich, der sich sogar im Ohr festsetzte. Für den kompletten Überflieger-Hit war es dann aber vielleicht doch zu grob gestrickt. Zumindest in Deutschland war kurz vor den Top 20 Schluss.

Bei Thunder sieht das nun ganz anders aus. Auch hier setzen die Imagine Dragons klar auf vordergründige Drums lassen aber die Kopfstimme weg. Was ein bisschen schade ist, aber trotzdem funktioniert. Vielleicht auch deshalb, weil es mit sehr sehr deutlichen Anleihen an einen Independent-Hit aus den späten 2000ern anknüpft – um nicht zu sagen: diesen zitiert. Der Schusswaffen-Dreierbeat im Refrain erinnert nämlich ordentlich an Paper Planes von M.I.A..


M.I.A. Paper Planes

Der entscheidende Dreh bei Thunder ist die Kombination des brutal trockenen Beats mit der verzerrten Mickeymaus-Stimme. Im ersten Moment bin ich zusammengezuckt, spätestens aber mit dem Alien-Video ergibt auch dieses Stilmittel einen Sinn.

Überhaupt dieses Video! Frank Zappa meinte zwar mal "Über Musik zu reden ist wie über Architektur zu tanzen.", könnte gut sein, dass spätestens mit Thunder gezeigt wird: Geht.

Natürlich macht das Regisseur Joseph Kahn nicht unter Dubai, der Stadt, die irgendwie gerade das Non plus Ultra darstellt. Aber auch das: Funktioniert. Wo es viel Beton gibt, da gibt es auch viel Fläche, die besetzt werden will. Und selbst wenn man Anfangs die Alien-Nummer und das Rumgezappele von Dan Reynolds noch etwas albern findet, spätestens wenn sich die Figuren multiplizieren und zur Choreographie-Armee werden ist klar: Viel anders muss man gar nicht mit endlosen Glasfassaden umgehen. Das ist schon sehr schön adäquat.



Mit Thunder haben mir also die Imagine Dragons bewiesen, dass ich sehr wohl was mit Alternative Rock anfangen kann. Und sogar fliegende Schafe aushalte. Das kommt nicht so oft vor.

Freitag, 2. Juni 2017

Helene Fischer: Herzbeben

Nun hat sie also ihren zweiten Top 10 Hit. Es scheint so, als würde sich die Popularität der Helene Fischer nun endlich auch in Hits ausdrücken. Denn fürwahr – ihre Songs sind so weit verbreitet, auf keinem Anlass darf ein Song von ihr fehlen und mitsingen können fast immer alle. Nicht nur bei Atemlos durch die Nacht.

Jetzt also Herzbeben.

Das Phänomen an Helene Fischer ist, dass sie die Massen begeistert, gleichzeitig aber auch unglaublich viele Menschen zu Abscheu verleitet. Nicht einfach nur: "Langweilig, interessiert mich nicht." Sondern: "Hilfe! Unmöglich! Grässlich!"
Und dabei schaukeln sich beide Seiten hoch. Auch nur ein kleinstes Detail zu kritiseren wird sofort und gnadenlos mit Beschimpfungen geahndet. Umgekehrt, irgendetwas Gutes zu diagnostizieren, zeitigt die totale Verachtung. Ein Dazwischen ist nicht möglich.
Das erinnert ganz schön an andere Diskurse der letzten Woche.

Helene Fischer – oder besser: die Reaktionen zu Helene Fischer spiegeln also recht deutlich, wie es hierzulande gerade so zugeht. Da will eine eigentlich nur Spaß haben, Party machen – und prompt wird sie von 2.000 Fußball-Fans beim Pokal-Finale ausgebuht. Wobei ihre etwas seichte Weltsicht vielleicht nur die halbe Ursache für das laute Pfeifkonzert ist. Wenn man nämlich die kursierenden Posts richtig deutet, dann war es unter anderem auch die überbordende Kommerzialisierung des Pausen-Acts. Sprich: Innerhalb von wenigen Tagen ist Helene Fischer omnipräsent im deutschen Fernsehen: Germany's Next Top Model, DFB-Finale, Let's Dance … und es ist kein Geheimnis, dass jeder Ihrer Auftritte ordentlich bezahlt wird. Geld, das man auch für sinnvolle Dinge ausgeben könnte.

Der Unmut über Helen Fischer stammt also zu einem Teil aus dem üblichen Neid, den erfolgreiche deutsche Popstars immer wieder erfahren, zum anderen aber auch aus einer irgendwie auch deutschen Eigenschaft: Das, was einmal Erfolg hat gnadenlos zu vermarkten. In Sachen Helene Fischer sieht das dann zum Beispiel so aus, dass man von ihrem neuen Album nicht einen einzigen Track irgendwo als kostenloses Angebot findet. Maximal 15 s – aus war's. Da wo andere Stars sagen: Ich hab schon genug Geld verdient, ich schenk euch meine Musik – und wenn ihr sie trotzdem hübsch verpackt wollt, dann kauft euch die CD mit allerlei Extras. – An dieser Stelle geht Helene Fischer bzw. ihre Plattenfirma den Weg: Lasst uns einfach noch jeden möglichen Cent aus den Fans herauspressen. Wer weiß, wann die Nachfrage nachlässt.

Das ist etwas, das mich schon auch ein bisschen abstößt. Nicht, dass ich die frei verfügbaren Schnipsel von ihr vermissen würde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch das neue Album nicht besonders mögen werde – also kann ich da auch verzichten. Mich nervt vor allem diese reichlich strikte Haltung in der Art: Bloß nichts abgeben! Das ist ein bisschen wie mit den besonders gut verdienenden Managern, die sich mit Millionen-Verdiensten immer noch ziemlich unterbezahlt fühlen und keine Minute daran denken, dass nur eine winzigster Bruchteil ihres Geldes auch für Dinge eingesetzt werden könnte, die weitaus mehr Menschen etwas ermöglichen.

Natürlich gibt es immer auch andere. Auch in der Pop-Musik. Und mir geht es auch gar nicht darum, dass Helene Fischer jetzt alle ihre Musik verschenken soll (bloß nicht – dann wäre sie womöglich noch omnipräsenter!). Ich find's nur reichlich absurd, wie sehr sie von aller Welt in den Himmel gelobt wird für das, was sie leistet ... und ich seh gar nicht so richtig, was das sein soll. Aber eben: Dafür ist mir Helene Fischer auch viel zu egal, als dass ich detailliert verfolgen würde, wo sie sich engagiert und was sie alles dafür tut, um unser Leben ein Stück schöner zu machen. Für mich gehören die Auftritte beim DFB-Pokal oder GNTM sowie ihr neues Album jedenfalls nicht dazu.

Freitag, 26. Mai 2017

Robin Schulz Feat. James Blunt: OK

Das sind also die Geschichten der Generation Y: Er (und sie) unfähig mit Emotionen bzw. der Endlichkeit von Gefühlen und Beziehungen umzugehen. Ab zur Gedächtnislöschung, weg mit dem Kram, der da Schmerzen macht. Zum Glück gibt es gnadenlose Techniken und Mechaniker. Aber einer zögert dann doch, ist fasziniert von den anziehenden Momenten in der Erinnerung, dem Liebreiz der Geliebten – wahrscheinlich kommt er aus seiner Werkstatt höchst selten raus und kann deshalb bei Memory porn nicht wirklich widerstehen ... ein paar Szenen bleiben also drin im Gehirn. Ob es genug sein werden, damit der Mensch nicht völlig zum Roboter wird?

Im Erinnerungsstrudel die Szenen, die das Ganze Chaos ausgelöst haben: Ein Kondom in der Hosentasche! Oh je! – Vor 20 Jahren hätte man gesagt: wie spießig. Heute ist es eher so etwas wie: wertkonservativ. Und bleibt trotzdem ganz schön zickig. Ich meine: ein Kondom! Nicht: Ich erwische Dich, wie Du mit einer anderen Person rummachst. Ich finde einfach ein Verhütungsgummi in Deiner Hosentasche. Ach ja, du hast gestern abend ja auch jemanden angeschaut...

Die Generation Y steht also auf bedingslose Aufgabe. Wofür brauchst du andere Menschen? Du hast doch mich! Nur mich! Einer reicht. – Wir sind nicht mal verheiratet. Aber du gehörst mir. Und dein Schwanz sowieso. Schon der Gedanke an Sex (mit anderen) ist ein Sakrileg.



Das Video macht sehr deutlich, worum es der heute jungen Generation geht, welche Werte sie hat. Und welche Probleme.
Das Ganze mit der Vorlage abgeglichen, die dem Video offenbar dient, zeigt umso genauer in welche Richtung sich diese Werteentwicklung vollzieht. In Michel Gondrys Eternal Sunshine of the Spotless Mind (dt. Vergiss mein nicht!) geht es um das Verlangen und das Zerstörerische des Miteinander. Da gibt es einige Punkte, an denen die Beziehung eskaliert, unerträglich wird, die gegenseitigen Ansprüche unerfüllbar werden - ein Kondom in einer Hosentasche gehört nicht dazu. Die beiden Liebenden unterziehen sich der Gedächtnislöschung um sich später doch auf einen neuen Versuch einzulassen. Da spielt vielleicht auch Eifersucht eine Rolle, aber es gibt stets Gefühle und Versuchungen, die stärker sind.

Der Film spielt auch sehr schön durch, was so eine Technik der Gedächtnisbereinigung für Gefahren bergen könnte, wo es vielleicht doch besser ist, die Fehlbarkeit des Menschseins zu haben. Aber das ist alles mehr als 10 Jahre her.

Liza Minou Morberg begnügt sich mit Versatzstücken. Sie nimmt die schönsten Szenen, die eindrucksvollsten Situationen und Ideen und klebt alles neu zusammen. So wie sie es für sich gut findet. Das ist ihr gutes Recht. Das macht jede Generation so. - Und jede Generation offenbart damit, wo sie sich verortet. 2004 ging es um die Zukunft, um technische Möglichkeiten und deren Fehlbarkeit – 2017 geht es eher um die Vergangenheit, um das Vergessen und nach Möglichkeit die Chance, nicht erneut verletzt zu werden.

Zu dieser (ich nenne es mal so) Dystopie liefert Robin Schulz den Soundtrack. Einen ganz lauschigen. Aber Robin Schulz wäre nicht er selbst, wenn es da nicht auch die gewohnt verzweifelt quängelnde Stimme gäbe. Dieses Mal von James Blunt. Der leidet schon beim ersten Ton und erzählt mir seine Geschichte möglichst schön unkonkret. Zwischen den Zeilen teilt er mir allerdings deutlich mit, dass es wohl nicht ganz so einfach war. Ein Schatten von Schuldeingeständnis schwingt da mit: I'm really sorry I dragged you into this ... oder auch Overcomplicate when it's simple
James Blunt weiß recht genau, dass er kein einfacher Mensch ist. Irgendwie hat er sich damit aber auch ganz gut arrangiert. Das Jammern haben mittlerweile einige zu ihrem Motto gemacht. Es ist immer alles schlecht. Die Welt, die Menschen, die da oben. Über all das Klagen vergessen dann viele, dass es auch noch etwas anderes gibt. Dass man vielleicht auch aktiv werden könnte. Situationen ändern, Zustände beeinflussen. Bei James Blunt finde ich so eine Haltung eher nicht. Er ist dankbar für jeden Menschen, der ihn so aushält wie er ist – ob er sich selbst aushält ... ich weiß es nicht.

Mit dieser insgesamt doch sehr leidvollen Hymne kündigt Robin Schulz sein neues Album an. Und bleibt seinem alten Erfolgs-Sound treu. Bei Vorgänger Shed A Light war es vor allem die Zusammenarbeit mit David Guetta, die den Robin Schulz dann doch ein bisschen bombastischer machte und sogar fast schon überraschend wirkte. Bei OK ist der Produzenten-DJ dann wieder ganz bei gewohnten Mustern: Gequälte Stimme – Gitarrenharmonien, ein sanft tuckernder Beat. Immerhin ein kleines wild wiederholtes Dengeln ... ins Radio passt auch das allemal. Der neue Robin Schulz wird sicher wieder ein Hit.

Freitag, 19. Mai 2017

Shawn Mendes: There's Nothing Holdin' Me Back

Ok – Shawn Mendes gehört nun also zu den Superpopstars dazu. Gleich hinter seinem Landskollegen Justin Bieber. There's Nothing Holdin' Me Back ist der vierte Hit innerhalb von anderthalb Jahren – der dritte, der es unter die ersten 10 in Deutschland schafft. Und ja, irgendwie ist das sogar etwas mehr als der normale Teenie-Pop.

Klar, seine Jugend und sein makelloses Aussehen spielt bei der Vermarktung eine nicht zu geringe Rolle. Da können die kleinen Mädchen schwärmen. Aber neben diesem oberflächlichen Image schafft es der Sänger tatsächlich seinen Songs auch eine persönliche Note zu geben. Zumindest entdecke ich nach seinen bisherigen Veröffentlichungen so etwas wie einen Stil: Als Grundgerüst steht da meist ein akustischer Song, der gut und gern auch als Stimme-und-Gitarre-Version funktioniert. Dann schmeißt sich Shawn Mendes jedesmal mit viel Inbrunst rein. Ja, hier wird schon einigermaßen verzweifelt gelitten. Das ist alles nicht besonders lustig. Und der Sänger scheint schon einiges an traurigen Erfahrungen gemacht zu haben.

Damit ist er um einiges eigener und glaubhafter als Justin Bieber. Und könnte sogar ganz gut in der Nähe von Ed Sheeran verortet werden. Wobei sich der mit der Mehrzahl der Titel auf seinem Album : (Divide) ja ganz schön ins Melancholie-Jammertal katapultiert hat. Nur die Highlights gehen da als Popsongs durch. Das macht Shawn Mendes dann doch konsequenter. Hier geht es bei aller Nabelschau immer auch um Gefälligkeit. Shawn Mendes schreibt und singt seine Songs nicht für sich als Selbsttherapie, sondern weil er andere damit erreichen will. Möglichst viele.

Das kann man natürlich auch doof finden. Wie aber schon oben festgestellt – irgendwie kriegt er es ganz gut hin, auf dem schmalen Grat zur belanglosen Massenware entlang zu balancieren.

Das was mich ein bisschen nervt, ist dann aber doch die recht große Ähnlichkeit zwischen seinen Hits. Ob nun Stitches oder Treat You Better oder There's Nothing Holdin' Me Back – es braucht einige Repeat-Schleifen, um die Songs wirklich zu unterscheiden. In den 80ern und 90ern gab es mal die Mode, aus den Hits von Acts Megamixe zusammenzuzimmern und diese nochmal neu zu releasen. Bei Shawn Mendes ginge das vermutlich sehr einfach und der entstehende Song würde klingen, als sei es schon immer einer gewesen.

Ich warte also mal noch ein bisschen ab, was da in nächster Zeit noch von dem jungen Star kommt, ehe ich mich entscheide, wie kreativ ich Shawn Mendes finde.

Freitag, 12. Mai 2017

bibi h.: How It Is (Wap Bap …)



Es ist ganz einfach über Bibi H. alis Bianca Heinicke und ihr Lied How It Is (Wap Bap …) Schlechtes zu schreiben. Es ist ja bereits das Video mit den meisten Dislikes auf youtube. Oder zumindest kurz davor. Muss ich also alles nicht mehr machen.

Trotzdem ist aber How It Is (Wap Bap …) auch das zweite Lied eines youtube-Stars, dass es in die Top 10 der deutschen Charts schafft. Erst. Nach Y-Tittys Halt dein Maul im August 2013 schafft es bibi h. als einzige Youtuberin zu ordentlich Download-Ruhm. Das heißt auch schon was.

Zum Beispiel, dass die Generation Youtube sich offenbar mit ganz ganz wenig zufrieden gibt. Seichte Melodie – macht nichts, belangloser Text – egal, Hauptsache bibi ist wiede online. (Hab' ich nicht das gleich in der letzten Woche auch zu DJ Khaled geschrieben?) Der Unterhaltungseffekt ist schon gegeben mit ein paar kitschigen Bildern, ein bisschen Outfit und vielen Luftballons. Das ist ungefähr auch das, was uns der Son erzählt: Ich habe meinen Freund verloren, ich habe keinen Job mehr … macht nichts, ich sing mir die Sorgen einfach weg und bin glücklich.

Könnte jetzt die Optimismus-Hymne schlechthin sein. Wenn alles ganz schrecklich ist, lohnt es trotzdem nicht, verzweifelt zu sein, wird schon wieder. Rosa Wolken am Ende des Videos. Sind die Youtube-Kids also alle durch und durch glücklich?



Zufriedenheit hat hier natürlich auch was mit Unwissenheit zu tun. Oder auch mit Kritiklosigkeit. Bibi hat überhaupt kein Problem damit, Produkte gut zu finden und dafür bezahlt zu werden. Wohlgemerkt ohne es offenzulegen. Sie ist einfach begeistert vom neuen Lippgloss. Und teilt uns das mit. Ihre Fans finden das mindestens genauso in Ordnung. Ist doch egal, ob uns im Hintergrund ein Konzern dirigiert, Hauptsache das Lächeln stimmt. Glück kann so einfach sein.

Wenn man selbst nicht zu viel will. Denn das scheint mir der eigentlich Wertewandel zu sein. Die Generation, die sich mit youtube-Vlogs zufrieden gibt, hat offenbar nicht besonders große Träume. Zumindest nicht was Individualität und Selbstbestimmtheit angeht. Es geht ihr vielmehr um Angepasstheit, Durchschnittlichkeit, damit natürlich auch Erfolg im Mainstream – Normcore auf der nächsten Stufe. Das muss man auch erstmal konsequent durchziehen.

Am Ende ist es vermutlich auch diese Generation, die sich mit ganz einfachen Erklärungen zufrieden gibt und deshalb eine ganze Reihe von Zusammenhängen gar nicht mehr begreift. Nicht begreifen will. Evolution? Hat nie stattgefunden. Klimawandel? Eine Erfindung der Medien. – Ob das für ein ganzes Leben reicht?

Ich hab vor allem Angst vor der hässlichen Seite dieser Sorglos-Haltung. Wenn man in seinem Leben gar nichts will, dann ist diese Schicksalsergebenheit sicher völlig in Ordnung. Was aber, wenn ich plötzlich doch keinen Bock mehr habe, nur die vorgezeichneten Weg zu gehen? Das könnte durchaus unangenehm werden.

Das ist ein bisschen wie in Wayward Pines – das System erhält sich zwar ganz gut immer wieder, der Preis ist für Einzelne allerdings reichlich hoch. Vor allem für die, welche da zu viele Fragen stellen.

So eine Fiesheit traut man bibi h. natürlich nicht zu. Sie ist immer so lieb und erhaben über jede Kritik. Wenn Menschen sie nicht mögen, scheint ihr das völlig egal. Sie hat ihre Fans – die halten zu ihr. Und die Industrie, die sie fleißig mit Kosmetikartikeln versorgt. Schön, dass sie so einfach glücklich zu machen ist.

Freitag, 5. Mai 2017

DJ Khaled Feat. Justin Bieber Quavo Chance The Rapper Lil Wayne:
I'm The One



So werden heute also Hits gemacht: Man nehme einen frisch gebackenen Internet-Star wie DJ Khaled, setze ihm einen richtig erfolgreichen Popstar wie Justin Bieber an die Seite, noch ein paar upcoming Rap Stars wie Quavo von MIGOS und Chance The Rapper und auch noch einen, der ein bisschen länger schon dabei ist (Lil Wayne), dann hole man sich ordentlich Productplacement ins Haus, so dass es ein Leichtes ist SwimmingPool, Villa, dickes Auto und eine ganze Meute gecasteter schwarzer Schönheiten zu buchen, die Frauen stechen besonders durch ihre äußeren Sexualmerkmale hervor – fertig ist das Ganze. Dauerwerbeclip mit Hintergrunddudelmucke. Menschen mögen so etwas ganz unkritisch und bringen I'm The One zu Top 10 Status. Worin bestand jetzt noch mal der musikalische Wert des Ganzen?

Das ist natürlich eine eher unbedarfte Beschreibung. Denn I'm The One ist ganz klar die Fortsetzung der Key To Success-Clips von DJ Khaled, welche ihn zum digitalen Internet-Helden machten. Ein bisschen ist das ja auch wie in den guten alten TV-Zeiten Anfang der 2000er als Sarah Connor ihre Hochzeit, ihre Ehe und ihr Kind als Fernsehsoap inszenieren ließ. DJ Khaled ist mittlerweile auch Papa und der kleine Asahd wird im Intro explizit eingeführt, Papa Khaled ist stolz wie Bolle, lässt sich Justin Bieber und all die anderen einfliegen und feiert eine Pool-Party (ohne ins Wasser zu gehen). Die Musik spielt da insgesamt nicht so eine große Rolle, der Inhalt des Videos eigentlich auch nicht, Hauptsache wir haben hier mal wieder drei Minuten DJ Khaled erlebt und uns an seinem scheinbar guten Leben erfreut. Internet-Stars brauchen gar nicht viel zu machen.



Und was erzählt uns der Clip/die Produktion sonst noch?
Zum Beispiel einmal mehr, dass aktuelle Mainstream-Produzenten kein Problem damit haben, wenn in einem Video die Frauen allesamt in sexy Badewäsche posieren und sonst weiter keine Aufgabe haben, während die Typen (außer Sexsymbol Justin Bieber) ihre Potenz eher in angesagten Markenklamotten ausdrücken. DJ Khaled würd ich ja auch gern mal in Badehose sehen und ihn geil finden...
Schon klar, die Mehrheit der Pop-Konsumenten schüttelt sich hier und macht damit auch deutlich: Frauen brauchen sich nicht anziehen, sind halt nur hübsches Beiwerk. Auch im Jahr 2017 sind wir kein Stück weiter. Sexismus ist das alles natürlich nicht.

Auch die Huldigung von Richness und Luxus ist altbekannt. Und auch ganz schön langweilig. Festhalten an jahrhundertealten Traditionen und guten alten Werten mitsamt unantastbarer Weltordnung. Pop war da auch schon mal viel weiter. Viel rebellischer, mit mehr eigenen Ideen und Wertvorstellungen.

Bemerkenswert an I'm The One ist, dass ausgerechnet die ach so coolen Rüpel-Jungs, die sich ja sonst eher einen Scheiß um Konventionen und Abmachungen kümmern, ausgerechnet diese alten Kamellen von BlingBling und MachoMacker weiter zelebrieren. Das ist mindestens 2000er Style. Mickey Blanco zeigt mir da echt mehr an Zeitgeist und heute. Und kann so manch einen echt noch verschrecken. Das schaffen die fünf mit I'm The One definitiv nicht.

Freitag, 28. April 2017

Alice Merton: No Roots

Ein wenig ist Roots ja so etwas wie ein Spätzünder. Denn das erste Mal habe ich diesen Titel mindestens Anfang des Jahres gehört. Und da gab es schon ein Aufhorchen: Die ersten Akkorde eine Mischung aus den White Stripes und irgendeinem Strandpartypophit. Dann die Stimme von Alice Merton, die erstmal so scheinbar gar nicht richtig singt, vielleicht erzählt. Und dann schraubt sie sich doch in unerwartete Tonhöhen um im Refrain genau diese Spanne zu wiederholen: cooler Fast-Sprechgesang und ein paar Falsett-Spitzen. Zum Ende des Songs hin wird die ansonsten eher handgemacht-akustisch daherkommende Produktion sogar elektronisch angereichert.

Dazu gesellen sich Lyrics, die mir von einer Frau erzählen, die es feiert nicht bodenständig und berechenbar zu sein. Sie feiert den Reichtum der Möglichkeiten und Chancen, sie ist stolz auf ihr nomadisches Dasein und die Freiheit, ihr Leben immer wieder neu zu erfinden. Keine Wurzeln zu haben ist cool, sich nicht auf eine einzelne Identität festzulegen großartig.

Ist so ein Popsong in Zeiten erstarkender Nationalismen und positivem Bezug auf festgezurrte Identitäten politisch? – Mindestens.
Auch wenn er nicht die Welt verändern wird, kann er vielleicht an der einen oder anderen Stelle Menschen eine Vergewisserung sein. So zu leben wie Alice Merton ist möglich. Sehr gut sogar. Und es ist aufregend, spannend, nachahmenswert.

Denn auch im echten Leben hat die Sängerin schon einiges ausprobiert und hinter sich. Dieser Reichtum ist in No Roots zu spüren und zu erleben. Und plötzlich ist es egal ob da Singer-Songwriter oder Independent Pop dran steht. Es ist beides. Und sogar ein Hit. Toll!

Freitag, 21. April 2017

Clean Bandit Feat. Zara Larsson: Symphony

In der überbordenden Fülle der Videos und Clips gibt es nicht so viel, was einen dann wirklich berührt. Kurz gelacht und dann weggeklickt – so geht das eher. Dass dann ausgerechnet so ein Filmchen wie das zu Symphony von Clean Bandit im Kopf hängen bleibt, ist irgendwie schon schräg. Denn der Clip bietet keine spektakulären Tricks oder technischen Rafinessen, auch keine witzige oder überraschende Pointe. Alles was bei Symphony geboten wird ist eine emotionale, anrührende Geschichte. Ein Verkehrsunfall, eine auseinandergerissene Liebe, ein tragischer Verlust.

Da haben mich also die Clean Bandits an meiner weichen und sensiblen Seite erwischt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil der Verlust und der Tod dann doch eher selten eine Rolle im Popgeschäft spielen. Höchstens als blutiges Beiwerk in Splatter- oder Thriller-Adaptionen. Selbst die eher dunklen und verzweifelten Videos wie etwa zu Faded zelebrieren zwar eine ordentliche Traurigkeit, Leere und Kälte, der Tod spielt aber höchstens indirekt eine Rolle. In der Abwesenheit von eigentlich allem.

Bei Symphony ist das anders. Da sehe ich die glücklichen Zeiten und erlebe umso eindringlicher die Leerstelle. Ein bisschen ist das natürlich auch Soap-Klischee. Vielleicht find ich es genau deshalb seltsam, dass es dann doch funktioniert.



Zu den Bildern von einem verzweifelten Mann gesellen sich dann Glöckchenklänge. Ein seltsamer Kontrast. Dann die Stimme von Zara Larsson, die eine Geschichte erzählt von der Bereicherung, die sie durch einen anderen erfährt. Plötzlich ist alles, was vorher war irgendwie weniger wert, blass, langweilig. Und alles was sich Zara Larsson wünscht ist, Teil der Herrlichkeit des anderen zu sein. Ja ja, so pathetisch ist tatsächlich die Wortwahl: I just wanna be part of your symphony. Und dann schwingt sich auch die Instrumentierung hinauf zum ganz großen Bombast.

Das ist vielleicht der Punkt, den man diesem Song vorwerfen kann: Er hat überhaupt keine Angst vor richtig viel Pathos und Schmalz. Na gut, Popsongs sind zum Teil ja auch dafür gemacht. Immerhin schafft es Symphony in den Strophen dann doch immer wieder, sehr viel cooler und reduzierter zu werden. Ein flockiger Housebeat, der aber schon nach kurzer Zeit wieder unterbrochen wird. Man könnte diesen dramaturgischen Wechsel auch klassisch nennen. Die alten Techniken funktionieren also auch bei der Generation 2010+.

Deshalb sind die Bilder und die Inszenierung vermutlich auch genau das: klassisch. Zara Larsson zieht ein Paillettenkleid an und steht als Diva im Orchester, die Cellistin von Clean Bandit lässt sich als unnahbare Statue inszenieren und die beiden Jungs stecken sich in klassische Anzüge. Ein bisschen ärgert mich diese unmoderne Haltung. Aber das ist ja schon immer mein Problem mit Clean Bandit und also muss ich darauf nicht weiter rumreiten.

Umso erstaunlicher finde ich, dass die drei es schon bei ihrem letzten Hit Rockabye schafften, mich zu überzeugen. Und auch bei Symphony bin ich gnädig gestimmt und finde: Kann man durchaus so machen. Auch wenn der Titel sicher nicht zu meinen großen Favoriten zählt, hebt er sich von der breiten Masse der aktuellen Pop-Produktionen wohltuend ab. Das ist in Zeiten der zahlreich angewandten Fertigpopmischungen tatsächlich schon eine Leistung.


Freitag, 14. April 2017

Die Toten Hosen: Unter den Wolken



Ob es eine Punkrock-Band wirklich cool findet, wenn sie plötzlich so etwas wie nationale Superhelden sind und Hits quasi am laufenden Band produziert?
Könnte ja darauf hinweisen, dass die Menschen in diesem Land um einiges cooler geworden sind. Schnoddriger. Weniger verbissen. Vielleicht sogar anarchistischer?
Könnte aber auch heißen, dass Punkrock gar nicht mehr so gesellschaftskritisch, beißend und radikal ist, wie es vielleicht noch vor 30 Jahren der Fall war.

Angesichts des Erfolgs von solchen Bands wie Broilers, Böhse Onkelz oder auch Terrorgruppe kann man schonmal ins Grübeln kommen. Und mit der neuen Hitsingle der Toten Hosen Unter den Wolken erst recht. Denn so richtig klingt das gar nicht mehr nach Punkrock. Rock - ok, hat ja paar E-Gitarren zu bieten, aber Punkrock? Ist ein halb geschrieener Refrain das einzige, was von der Kritik an der spießbürgerlichen Gesellschaft und der Verweigerung übrig geblieben ist.

Wenn ich mir den Text von Unter den Wolken anhöre, dann ist da tatsächlich nicht viel Konkretes zu finden. Alles bleibt schön im Vagen:
Die Welt steht grad auf ihrem Kopf
Der Wind hat sich gedreht
Ein grauer Schatten liegt auf unserm Weg

Irgendwie haben wir ein mulmiges Gefühl, irgendwas läuft hier nicht richtig. Aber was genau da falsch ist – unklar.

Sind die Toten Hosen nicht mehr fähig, das zu beschreiben, was sie ärgert? Geben Sie tatsächlich lediglich der allgemeinen Unsicherheit eine Stimme, die sich dann ganz gern auch mal in Denkzettel-Protestwahlen oder seltsamen Spaziergängen niederschlägt? Ist es so kompliziert geworden in unserem Leben, dass nicht mal mehr eine konkrete Ansage funktioniert? Hat sich Punk nicht irgendwann mal einen Dreck drum geschert, ob man aneckt oder nicht? Hauptsache erstmal gesagt, was man Scheiße findet?

Vielleicht sind die Toten Hosen ein bisschen verwöhnt oder besoffen vom Erfolg. Tage wie diese wurde ja zu so etwas wie einer nationalen Hymne durch alle Schichten hinweg. Das hat dem Lied leider nicht so gut getan. Selbst die kurz vor der Rente stehenden Jugendtrainer waren Fan von dem Titel. Punkrock als Konsens – irgendwie fühlte sich das auch komisch an. Für mich zumindest.

Bei den Toten Hosen bin ich mir nicht so sicher. Unter den Wolken zielt mir zu sehr auf den Mainstream. Laut genug um mir ein semi-wildes Rocker-Dasein vorzuspielen, aber gezügelt genug um ins Format-Radio zu passen. Und auf die ECHO-Preisverleihungsshow. Der Auftritt dort ist ja so ein bisschen dran schuld, dass plötzlich ganz ganz viele Menschen den Song auf ihren Abspielgeräten haben wollen.

Achja, und dann gab es rund um den ECHO noch diese putzige Geschichte mit Jan Böhmermann. Der hat eine ziemlich ungeschminkte Kritik an der neuen deutschen Liedermacher-Pop-Romantik vom Stapel gelassen, inklusive musikalischer Parodie. Vielleicht nicht bis ins letzte gerecht oder richtig - aber mindestens den Kern ziemlich genau treffend. Und obendrein lustig. Könnte man beinahe als Punk bezeichnen, wenn es nicht so glatt produziert daher käme.

Für Campino ist Jan Böhmermann dagegen eher das Feindbild: Der doofe Fernsehmacher des Establishment. Da verteidigt er doch lieber in der Öffentlichkeit die Schlager-Liedermacher, und Böhmermann, der zumindest mal den Finger auf was gerichtet hat ist ein Störenfried ... hmmm ... mindestens eine seltsame Position für einen Punk.

Es hat sich also einiges verschoben im Koordinatensystem unserer Werte. Satire im öffentlich-rechtlichen ist Scheiße – kommerzielle Preisverleihungsshows mit Rieseneinschaltquote für die komplette Familie sind cool. Wie war das nochmal mit dem Punkrock auf Platz 1 der Charts?

Unter den Wolken ist auch wegen dieser Geschichten drum herum nicht unbedingt die Sternstunde des Genres.

Freitag, 7. April 2017

Luis Fonsi Ft. Daddy Yankee: Despacito



Latino-Pop auf spanisch gehört mittlerweile zum festen Repertoire der deutschen Charts. Alle paar Monate bringt es ein heißblütiger Titel zu mittlerer Popularität. Gern aus Südamerika, gern von einem gutaussehenden Macho-Lover gesungen, meistens ziemlich sexualisiert und mit einem tanzbaren Karibik-Beat unterlegt. Natürlich stehen da die Ladies, allen voran Shakira, keinen Deut zurück. Und der deutsche Durchschnittsbürger erhält den Eindruck: In Mittel- und Südamerika geht es nur um eines. Klar, ist ja auch immerzu so heiß, dass man sich gern und schnell der Hüllen entledigt und Haut genug zeigt …

Das Phänomen ist natürlich keineswegs neu. Den karibisch angehauchten Hit gab es schon in den 50ern und 60ern, damals eher noch von europäischen Schlagerbarden intoniert. Ende der 1980er war Lambada der körperlich explizite Tanz-Hit der Saison. Naja, und Shakira macht seit Anfang der 2000er ohnehin nicht viel anderes als Balztanz auf der Bühne.

Vor etwa 10 Jahren gab es die letzte Ergänzung und Modernisierung des Repertoires. Da hievte Raggaton mit seinen Spielarten den Karibik-Sound ins elektronische Zeitalter. Daddy Yankee war damals einer, der den Zug nutzten konnte und mit Gasolina einen Hit einfuhr. Nicht, dass er musikalisch der experimentierfreudigste war – er konnte sich einfach ganz gut verkaufen.

Seit dieser Zeit hat sich der Beat Stück für Stück durchgesetzt und ist mittlerweile Bestandteil von ungefähr eines Drittels aller internationalen Hits von SIA bis Clean Bandit. Und auch die Hits aus Mittel- und Südamerika werden rhythmisch zerhackter, elektronischer, härter – und tauchen häufiger auch in europäischen Hitlisten auf. Jüngstes Beispiel ist nun Despacito, gesungen von Schmuseheld Luis Fonsi, der sich so wie sein europäischer Kollege Enrique Iglesas ein bisschen Street-Credibility einkauft und für seinen neuen Song ein "Featuring" dranhängt, hinter dem dann Daddy Yankee steht.

In Puerto Rico sind die beiden Riesenstars, der Sprung in die USamerikanische Szene war ebenfalls nicht schwer und die Rekorde purzelten nur so: Meistgesehenes spanisches Video innerhalb der ersten 24 Stunden auf Vevo, schnellstes spanischsprachiges Video, das 800 Millionen Views erreicht, der Hit, der in den meisten Lateinamerikanischen Ländern gleichzeitig auf der 1 stand … Nun ist auch Europa dran.

Und die Klischees funktionieren hier offenbar ebenso. Sex sells. Der Latino, der sabbernd durch die Bar fegt, die Hand im Schritt – ein Rollenbild, das einige deutsche Männer auch für sich ganz gern adaptieren würden. Die derzeit mächtig erfolgreichen deutschen Rapstars erzählen von nichts anderem: links und rechts die Ladies, die einem zu Füßen liegen – in der Mitte der Blingbling-King.

Bei Fonsi und Daddy Yankee ist es vielleicht noch etwas subtiler. Immerhin träumen beide ja erstmal nur davon, was sie alles tun würden. Und worauf sie Lust hätten. Und es geht ganz traditionell um die eine Frau, die es zu begatten gilt. Dass die beiden Herren dabei keinen Zweifel daran lassen, dass sie die größten Liebhaber sind, also genau wissen, was ihr gefällt und es gar nicht nötig haben, in ihren Fantasien auch nur mit einem einzigen Wort zu erwähnen, dass es eventuell auch darum gehen könnte, die Angebetete glücklich zu machen ... typisch egozentrische Macho-Weltsicht.

Natürlich geht es in solchen Songs nur um Äußerlichkeiten: Die Frau geht vorbei, die Kinnlade des Mannes klappt runter und hormongesteuert kann er nur noch hinter ihr her schwarwenzeln. Eine Frau, die derartig gut aussieht, muss man einfach erobern wollen. Wenigstens für eine Nacht. Der Jagdinstinkt ist erwacht, das Begehren lodert, es geht um Trophäen, die man sich umhängen kann, um nicht mehr und nicht weniger.

Und damit sind wir beim Grund des Erfolges von Espacito. Es will nicht mehr, als einen winzigen Moment feiern. Kein Wort von Beziehung und einander verstehen und all dem komplizierten Zeug. Einfach nur in die Kiste – möglichst schnell – und dieses Spiel genossen.
Das ist sozusagen der Sound zu den Dating Apps und Abschleppparties der Jetzt-Zeit. Und es ist der Sound der Wunschträume. Denn in Realität funktioniert der ganze Dating-Kram nur bedingt. Da wird rumgezickt und falsch gespielt, Verabredungen werden gemacht, die dann plötzlich nicht zustande kommen. Und hinter den coolen Profilen verbergen sich dann doch nur Menschen mit einem Haufen Komplexen.

Despacito ist sowas wie die Werbeversprechung auf tindr. Hol dir die heiße Frau, den potenten Mann ins Bett. Es ist ganz einfach. Alle sind willig.

Das Leben in echt ist dann doch anders. Gerade hab ich diesen Bericht gehört über die Singles, die nach Berlin ziehen um das große Abenteuer zu erleben und dann sind sie sagenhaft enttäuscht, dass sie im Club nicht den Partner ihres Lebens finden. Laaangweilig! Und der Jung-Journalist, der zur (erotischen) Berührerin geht, dann aber doch ganz verklemmt den Kontakt abbricht, wenn es in seine Hose gehen soll… Ängstlich, spießbürgerlich und inkonsequent.

Und deshalb sind Luis Fonsi und Daddy Yankee Stars. Die trauen sich alles das. Die sind geil und cool. Zumindest im Video. Im echten Leben ist der Fonsi-Bär wahrscheinlich auch nichts weiter als ein ganz lieber, kuschliger Junge, der nur zurück in Mamas Schoß will…
Naja, darüber kann man derzeit keine richtigen Popsongs machen. Träumen wir also weiter von unseren Abziehbildern!





Freitag, 31. März 2017

Jason Derulo Feat. Nicki Minaj & Ty Dolla $ign:
Swalla



Dass Jason Derulo ein elender Macho ist, der sich gern zweideutig und explizit äußert, das ist bekannt. Dass dieser Derulo recht häufig ziemlich geile Produzenten an sich binden kann, ist auch nichts Neues. Auch Swalla geht vor allem ab, weil Produzent Ricky Reed hier seine Finger im Spiel hatte. Kein Wunder, dass sich der Track genauso durchsetzt wie vor dreivier Jahren Wiggle und Talk Dirty. Auch die Tatsache, dass sich Derulo noch so einen richtigen Nasty-Rapper an die Seite holt, ist keine Überraschung. Für Swalla darf Ty Dolla $ign ans Mik.

Bekannte Ingredentien, bekannter Sound - das Ding ist ein infektiöser Hit, der in die Beine geht, ins Ohr - und gleichzeitig alles dafür tut, um mir den fröhlich-unbeschwerten Genuss zu verderben. Das ist sexistische Macho-Mucke vom Feinsten. Funktioniert dadurch natürlich nicht weniger gut – schreibt nur einmal mehr die beschissensten Klischees tief ins Unterbewusste.



Zum Glück ergänzt am Ende Nicki Minaj noch ein paar Zeilen. So richtig weiß man bei ihr ja nie: Ist das jetzt tatsächlich subversiv oder nur die totale Anbiederung. Im Fall von Swalla kann man auf alle Fälle eins sagen: Die Lady nimmt den beiden Jungs ganz gehörig die Butter vom Brot. Dreckiger als jeder Gangster, selbstbewusster als alle Superstars zusammen und ja, in diesem Fall auch sehr viel feministischer unterwegs. Lass die Typen ruhig stolz auf ihre Bananen sein, uns lässt das kalt, denn wir können den Macho-Kram allemal besser.

Das ist ganz hübsch zum Abschluss des Songs und stellt die beiden Rap-Stars sogar ein bisschen als Trottel dar. Hilft aber nur bedingt, denn die Tänzerinnen im Video sind da wesentlich devoter unterwegs.

Was heißt das nun, wenn so ein Track auf Hitkurs ist? Erstmal: Die besten Platzierungen fährt Swalla in Deutschland ein – also dort, wo man jetzt mit Straßen-Englisch vielleicht nicht so vertraut ist. Hier stehen der Sound und die Bilder für sich. Deutschland frönt da also sehr sehr dem testosterongeschwängerten Hype. Kerle, die sich Frauen halten können wie andere Leute Hamster – das kommt an. Dass Frauen auch cool sein können – interessiert nicht.

In Großbritannien reicht es für den Song bis zu Platz 43. Danach setzt der Ed Sheeran-Effekt ein und als dieser abebbt, geht es auch nur bis knapp über Position 60. Ich vermute, dass das auch etwas mit den Lyrics zu tun hat. Zu explizit? Zu dreckig? Zu feministisch?

In den USA schafft es Swalla einen Monat nach Veröffentlichung gerade mal auf Platz 98. Kann sich noch ändern, erzählt aber auch schon einiges. Drake beispielsweise schafft es sofort nach Veröffentlichung seines Albums gleich mit zwei Singles parallel in die Top 10. Es geht also einen Start auf den Punkt hinzulegen.
Aber in einem Land, in dem jetzt offiziell alles behauptet werden kann, und die entsprechend lauten Gegenproteste nicht auf sich warten lassen, in so einem Umfeld zählen Grenzüberschreitungen und Provokationen nicht mehr viel. Wurde alles schon gesagt. Langweilig. Next!
Und das gilt für beide Seiten. Ob also Jason Derulo oder Nicki Minaj – beide müssen sich für diesen Markt eventuell irgendwas anderes einfallen lassen um aufzufallen. Oder auswandern. Spannend, wie schnell Politik Gesellschaft und Kultur beeinflussen kann.

Aber vielleicht ist auch alles gleich wieder ganz anders. Ich beobachte weiter. Und hör derweil ein paar coole Produktionen von Ricky Reed.

Freitag, 24. März 2017

Jax Jones Feat. Raye: You Don't Know Me

Es gibt sie noch, die Dancefloor-Hits, die abseits von Stadionparty und softem DeepHouse-Gedöns funktionieren. Und tatsächlich auch im Mainstream funktionieren. Jax jones sei Dank.

Als Produzent hat er sich erste Aufmerksamkeit und Lorbeeren erarbeitet an der Seite von Duke Dumont, dem er 2014 bei I Got U zur Seite stand. Das reichte in seiner Heimat Großbritannien für eine Nummer 1 und in Resteuropa dann doch schon für einen Achtungserfolg. Nun ist er mit You Don't Know Me zumindest bei der Produktion allein unterwegs – und das Ergebnis ist grandios.

Natürlich ist auch You Don't Know Me vor allem ein cleverer Popsong, der sich explizit am Clubsound orientiert. Der reine Clubhit, der es auch im kommerziellen Umfeld schafft sich durchzusetzen, war ein Phänomen der 1990er. Deshalb hat es auch mit House Work nicht so durchschlagend funktioniert. Das war zu sperrig, zu cluborientiert, zu wenig radiokompatibel.

Beide Tracks setzen auf klassische House-Elemente: Wiederholung, ein straighter Beat und nicht zu viel Effekt-SchnickSchnack drumrum. So kommt bei You Don't Know Me vor allem die Stimme von Sängerin Raye besonders zum Tragen. Und damit auch der Text:
Du denkst du kennst mich? – F***k Off. Bloß weil wir zufällig im gleichen Club tanzen, bin ich nicht deine Freundin. Und schon gar nicht dafür da, von dir zugelabert zu werden.
So klingt Selbstbewusstsein im Jahr 2017.

Kombiniert wird der Track mit einem ebenso simplen wie witzigen Video. Eine Packung von Frühstückssüßigkeiten, auf denen der animierte DJ im Takt schreitet bzw. an entsprechenden musikalischen Stellen zum Handwaving ansetzt. Was braucht es mehr?



Natürlich noch eine Menge Referenzen auf sich selbst: Das Gewinnspiel für das House Work-Putzmittel an den Seiten des Kartons. Und ein echtes Video, in dem auch die Cerealien-Packung wieder auftaucht.



Katy Perry baut mit dem selben Ziel und Effekt riesige Vergnügungsparks nach – mit wesentlich weniger Budget funktioniert das Ganze genauso.
Danke!


Freitag, 17. März 2017

Ed Sheeran: Galway Girl

Na gut, nach der historischen Chart-Invasion der Tracks von Ed Sheerans : (Divide)-Album, muss ich dann doch nochmal detaillierter auf den Liedermacher aus Großbritannien schauen. Denn das, was er da unter die Menschen geworfen hat ist nicht einfach nur noch eine Sammlung von Liedern, sondern da sind tatsächlich echte Hits darunter. Zum Beispiel Galway Girl.

Ironischerweise wird die Story kolportiert, dass die Plattenfirma genau diesen Song gar nicht so gern auf dem Album haben wollte. Und schon gar nicht als Single. Nun haben die Hörerinnen weltweit entschieden und zumindest in Europa ist Galway Girl der Nachfolgheit zu Shape Of You and Castle On The Hill.

Galway Girl ist eines von zwei irisch-beeinflussten Songs des Albums. Da Nancy Mulligan allerdings im Vergleich zu den anderen Liedern das Albums schwach performt, gehe ich davon aus, dass der Irish Flavour allein nicht für den Erfolg des Liedes verantwortlich ist. Für mich ist es vielmehr das rhythmisch-orientierte Arrangement, das mitreißt und überzeugt. Die Mehrheit der Songs auf : (Divide) sind ja eher still, etwas melancholisch, auf alle Fälle aber nachdenklich. Bei Galway Girl geht es dagegen zur Sache. Da wird getrunken, getanzt, geraucht und gelacht.

In dieser emotional aufgeputschten Stimmung kommen sich zwei näher, feiern zusammen, haben Spaß. Klar, dass so eine Nacht nicht einfach zu Ende gehen kann, man trinkt zu Hause noch eine Flasche Wein und verliebt sich. Emotionen und Momente, die man lange, vielleicht ein Leben lang, in seinen Erinnerungen behält. Von diesem Gefühl zehrt der Song. Und Ed Sheeran hat es vor allem mit seinem Text hervorragend geschafft, diese Momente einzufangen. Dass er obendrein zwischen Gesang und Rap-Part hin- und herwechselt als sei es das Selbstverständlichste der Welt, macht den Song überlebendig und gnadenlos schwungvoll. Selbst wenn ich irischen Fiddlersound eigentlich eher ablehne (zu viel Riverdance und Co.), hier kann ich mich nicht entziehen und feiere mit.

Leiderleider – und das muss ich hier dann doch auch noch loswerden – ist Galway Girl tatsächlich eher die Ausnahme auf dem Album. Nachdem vor zwei Wochen nahezu eine Hysterie um das neue Album ausgebrochen war, habe ich es mir natürlich auch reingezogen und war eher enttäuscht. So viel Familienseligkeit und Heimweh, Gitarrenliedermachersound und Retrospektive hatte ich nicht erwartet. Klar, das spiegelt derzeit besonders in Britannien grad das allgemeine Lebensgefühl wider: Wie war das doch schön, als die Welt noch überschaubar war und Gut und Böse klar voneinander getrennt... Und auch der Rest der Welt kennt diese Sehnsucht derzeit ausführlich. Lösungsangebote finde ich auf : (Divide) allerdings gar keine. Nicht mal Ansätze davon.

Und deshalb höre ich auch bei Galway Girl etwas genauer hin und entdecke: Tja, es ist also auch einem jungen Mann, wie Ed Sheeran noch wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine Frau besser Dart spielen kann als ein Mann … Muss man jetzt nicht überbewerten, zeigt aber auch, dass es eben noch lange nicht selbstverständlich ist in einer modernen und aufgeschlossenen Welt zu leben. Die Kindheitsmuster stecken in uns allen noch tief drin und holen uns manchmal eben doch ein.

Naja, vielleicht ist es ja auch gut, nochmal am eigenen Leib zu spüren wie es "damals" war: zu Hause auf dem Land, in der Großfamilie, mit nur geringstem, persönlichen Freiraum und statt Internet die Akustikgitarre, auf der immer wieder die selben Weisen gespielt werden. Ich freu mich jetzt schon auf die Remixe zu : (Divide).

Freitag, 10. März 2017

Burak Yeter Ft. Danelle Sandoval: Tuesday



Wenn ein türkischer DJ die Top 10 der deutschen Charts erreicht, dann ist das schon was Besonderes. Bisher haben nicht so viele türkische Musiker eine solch breite Aufmerksamkeit in Deutschland erreicht. Tarkan Ende der 90er und dann noch der deutsch-türkische DJ Mousse T zu ungefähr der selben Zeit. Und das wars dann auch schon. Bis heute. Denn seit ein paar Wochen tobt Tuesday mit Coolness über die Dancefloors und spült den DJ Burak Yeter in die Verkaufscharts und zu kommerziellen Erfolg.

Allerdings hat der Mann auch eine Weile gebraucht, um diesen Glücksgriff zu landen. Seine bisherigen Produktionen waren eher sehr durchschnittliche Ware. Nicht unbedingt schlechte Produktionen, nur eben nicht besonders auffällig oder mit einem eigenen Zugriff. Das ist bei Tuesday komplett anders. Der Beat, der einen gleichzeitig antreibt und trotzdem arg gebremst daherkommt, kombiniert mit einem Gitarrenriff und sehr dezent eingesetzten Bläsersätzen. Und dann kombiniert Burak Yeter eine laszive Frauenstimme mit männlichem Falsettgesang. Gewagter Kitsch.

Das Ganze geht aber doch gut auf, weil es in dieser Reduziertheit verharrt. Kein weiterer Schmalz, kein Pomp, kein zusätzlicher Trommelwirbel. Nach den tobenden Stadiongewittern von David Guetta, AVICII und Calvin Harris und dem esoterisch-verklärten Deephouse bzw. superromantic TropicHouse wirkt diese Variante von elektronischer Tanzmusik fast schon minimal. Ein paar französische Acts wie FEDER oder The Avener haben das in den letzten Jahren bereits erfolgreich ausprobiert – könnte sein, dass sich der Sound nach Tuesday noch ein bisschen mehr durchsetzt.

Das Video geht ähnliche Wege. Es nimmt die bekannten Bilder von leicht bekleideten, tanzenden Frauen, schickt die aber durch den technischen Störfilter. Die zur Schau gestellte Körperlichkeit ist damit zwar immer noch vorhanden und explizit, aber sie ist nicht einfach nur Vordergrund. Sie muss sich eben auch zerhacken lassen, als Erinnerung (oder Traum?) aufblitzen, sie rückt zumindest ein paar Zentimeter ins Unreale. Ob dieser Zugriff weniger sexistisch ist, wage ich zu bezweifeln - zumindest von der totalen Verfügbarkeit der Bilder rückt es ein wenig ab.



Bleibt mir am Ende nur noch übrig eine atmosphärische Nähe zu KALEO's Way Down We Go auszumachen. Völlig anderes Genre, völlig andere Zielgruppe - und trotzdem spüre ich auch dort diese Gebremstheit. Auch dort geht es nicht um das wilde Hinausschreien, Ausleben, sondern eher um das Hinauszögern, den Genuss des schaurigen Gefühls davor, den Kitzel vor der Eruption. Und der kann am Ende sogar noch viel besser sein als der winzige Moment in dem man alles zerkloppt. Das könnte ich jetzt natürlich schön überhöhen so von wegen: neues Erlebnis des Zeit-Vergehens - das verlängerte Spüren des im-Moment-Seins... Oder ich zieh mir noch mal Tuesday rein.

Freitag, 3. März 2017

The Chainsmokers & Coldplay: Something Just Like This



Nun – wahrscheinlich hat man das erwarten müssen. Die Superband-Helden von Coldplay tun sich mit dem Pop-Erfolgsduo The Chainsmokers zusammen. Mit beiden hab ich so durchaus meine Schwierigkeiten. Ist es das stadiongroße Pathos, mit dem sie jeweils daher kommen? Oder ist es diese von außen drauf projizierte Gewissheit, dass die sowieso nichts falsch machen können? Oder vielleicht sogar der doch nicht zu verleugnende Wiedererkennungsfaktor bei fast allen Produktionen?

Something Just Like That überzeugt mich zumindest erstmal mit seinen Lyrics: Du musst kein Superheld sein, ich suche einen ganz normalen Menschen.
Das kann man heut eigentlich nicht oft genug sagen, wo es doch so viele zu wenigstens einer Sekunde Besonderheit treibt.
In Zeiten von Normcore kann man das natürlich auch ganz anders lesen. Aber das find ich dann doch eher daneben, denn der Refrain beschreibt das Menschlich-Normale viel zu positiv und verbindend, als dass es hier um ein Verschwinden in der Masse gehen könnte. Eher kommt es einem umgekehrt vor: Die Masse an X-Men-Superhelden ist schon ganz schön überbordend und irgendwie auch völlig anstrengend. Kann nicht einfach einer mal ganz durchschnittlich ein Mensch zum Anfassen sein?

Bei der Live-Premiere des Songs zur Verleihung der BRIT-Awards am 22. Februar 2017 ging es dann allerdings doch eher bombastisch zu. Eine Licht- und Videoinszenierung der gigantischen Art und ein Chris Martin, der dann doch eher der Stadion-Performer ist – auch wenn er mal kurz ins Publikum springt. Dazu der gnadenlose Schredder-Sound der Chainsmokers, die offenbar den Nerv der Zeit ganz gut treffen, irgendwie aber auch schon ganz schön in der Schleife der Selbstkopie stecken.



Das stellt einen ordentlichen Kontrast zur eigentlichen Story her. Kommt in der aktuellen Popmusik derzeit auch nicht allzu selten vor, muss man also gar nicht als etwas Besonderes herausstellen. Ist für mich aber trotzdem immer wieder mal seltsam. Wir können also das eine erzählen und gleichzeitig ohne Probleme das komplette Gegenteil selbst darstellen. Ist das jetzt auch so ein Nebeneffekt von Post-Faktizität?

Ich bleibe also bei Something Just Like This irgendwie außen vor. Ich kann mich dem Bombast hingeben und mitfeiern – "Do do do, do do dooo" ist ja auch ganz gut zum Mitsingen. Und ich kann mir dabei selbstvergewissernd zujubeln: Es ist nämlich doch ok, dass ich so bin wie ich bin. Und das lässt mich für einen Augenblick dieses Gemeinschaftsgefühl der Masse spüren.

Das hat irgendwie für mich auch den Beigeschmack: Kannst ja sowieso nichts ändern, also dröhn ich mich halt zu. Find ich ein bisschen schade. Denn selbst wenn es so wäre, vom nur Egal- und Passiv-Sein halt ich nicht viel. Das ist mir zu langweilig und irgendwie bin ich da auch schon zu sehr versaut von der Droge: Mach' was draus!

Freitag, 24. Februar 2017

KYGO (& Selena Gomez): It Ain't Me



KYGO ist zurück. Nach einer winzigen Verschnaufpause prescht er zurück in die Charts und auf die europäischen Dancefloors. Und ihm gebührt ein derartiger Superstar-Status, dass auf dem Coverbild zu seiner neuen Single lediglich sein Name stehen muss. Das reicht, um für Qualität zu bürgen. Sängerin Selena Gomez (die immerhin noch im Zwielicht ihr Profil zeigen darf) ist völlig unwichtig. Obwohl sie in den USA zu den Superstars gehört.
Immerhin: In der Listung des Titels bei allen möglichen Streaming-Plattformen steht ihr Name gleichberechtigt neben dem von KYGO.

Dieser im Grunde nebensächliche Fakt erzählt eine Menge über die Musikwahrnehmung derzeit in Europa. Die DJs sind die Superstars und Macher. Diejenigen, welche da ihre Stimme leihen, sind zweitrangig. Statisten. Wahrscheinlich sogar austauschbar.

Im Falle von Selena Gomez stimmt das leider sogar. Das, was ich von ihr auf It Ain't Me zu hören bekomme, ist reichlich unprägnant. Das hätte jetzt auch Jasmine Thompson singen können. Mindestens genauso gut/überzeugend/lauschig. Dabei hat die Sängerin doch schon gezeigt, dass sie mehr kann als nur Beiwerk sein. Nicht besonders oft, aber mindestens bei Good For You und ganz zu Beginn ihrer Karriere mit A Year Without Rain (zugegeben fand ich sie da vor allem in der spanischen Version überzeugend). Und der Beginn zu It Ain't Me verspricht sogar einiges. Doch dann wird ihre Stimme mit dem Refrain wegproduziert: erst mit einem eher schlimmen Stadionchorbackground und dann durch Zerstückelung im Sampling-Verfahren. Die TropicHouse-Panflöten und Pianoklänge lassen nicht sehr viel übrig von dem, was sie ursprünglich vielleicht aufgenommen hat.

Da hat sie sich also keinen Gefallen getan mit dieser Zusammenarbeit. Aber vielleicht ist das Ganze auch nur berechnend. Bislang blieb Selena Gomez in Kontinentaleuropa der richtig große Erfolg ja verwehrt. Ihre Alben verkauften sich zum Teil eine Woche lang ganz gut – und stürzten dann ab in der Gunst der Musikkaufenden. Wirkliche Hits waren ihre Veröffentlichungen auch nicht – eher so im Mediumbereich. Das ist für Indie-Künstlerinnen toll. Und für Sängerinnen, die Wert darauf legen, ihre Definition von Musik zu veröffentlichen ohne allzu viele Kompromisse, auch. Für kommerziell hochgezüchtete Kinderstars ist das eher zu wenig. – Oder besser: Für das Management solcher Stars reicht das nicht.

Ich vermute hier, dass die Drahtzieher im Hintergrund unbedingt einen echten Hit brauchten. Und da es gerade sehr schick ist europäische DJs mit nordamerikanischen Sängern ins Studio zu schicken, war das hier das Rezept der Stunde. Welches offenbar auch funktioniert.

Für KYGO markiert die Zusammenarbeit leider auch keine Sternstunde. Das hängt vor allem damit zusammen, dass er das tut, was er sonst auch macht: Seinen TropicHouse-Sound hinlegen. Ist OK. Damit ist er schließlich berühmt geworden. Soll er es also ausschlachten. Ich für meinen Teil, kann es zwar schon nicht mehr hören, aber die Masse steht nach wie vor drauf.

Schade ist trotzdem, dass sich KYGO kaum Mühe gibt, auf Selena Gomez einzugehen. Was hat sie zu bieten? Wo kommt sie her? Was ist die Besonderheit an ihr? – Nichts von dem spielt eine Rolle. Wie gesagt: Wäre Jasmine Thompson die Stimme der Wahl gewesen, der Track hätte genauso geklungen.

Das ist mir insgesamt zu wenig. Für den tagelangen, ununterbrochenen Soundteppich der Servicewellen und Loungebeschallungen ist der Track dagegen perfekt. Vielleicht sogar schon fast so etwas wie ein Highlight. Aber ganz aufrichtig: ich kann mit dieser Version des immer zugenebelten Lebens nicht so wahnsinnig viel anfangen. Da müssen also andere ran, um die Besonderheit dieses Daseinszustands zu beschreiben.

Freitag, 17. Februar 2017

ST∆RLEY: C∆ll On Me



Deephouse rules the world. – Weiterhin. Sogar aus Brasilien kommen jetzt Produktionen im Tuckerbeat-Gewand und platzieren sich in den hiesigen Autoradiodauerschleifen. Und so ist es überhaupt nicht verwunderlich, wenn eine australische Liedermacherin einen Hit in Europa landet, der vor allem durch den Mix eines australischen DJs besonders populär wurde. So geschehen mit C∆ll On Me aufgenommen von ST∆RLEY und mit einem fluffigen Remix versehen von Ryan Riback.

Ebenfalls nicht ganz verwunderlich: Der Remix ist um einiges überzeugender als das Original. Obwohl das im Falle von Starley gar nicht so sehr auf der Hand lag. Von der sehr weit verbreiteten, nostalgisch-romantischen Weinerlichkeit der Liedermacherzunft ist sie dann doch ein ganzes Stück entfernt. Und traut sich sogar den Flirt von Pop-Elementen. Das kann man im Original von Call On Me ganz schön erleben – die Hookline zwischen den Strophen könnte ganz gut auch aus einer Produktion von DJ Snake stammen.



Trotzdem bleibe ich nach dem Hören des Songs irgendwie reichlich unberührt. Vielleicht ist das Ganze doch zu allerweltsmäßig produziert. Eingängig und lauschig – und sofort wieder vergessen.
Vielleicht ist es auch die Akustik-Gitarre, die immer wieder auftaucht und mich völlig abtötet.
Vielleicht ist es auch das Video mit buntem Rauch.

Ein bisschen passt das ja auch zum Inhalt. Der will mir sagen: Die Welt ist doch ganz einfach: Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann wende dich an mich. – Lagerfeuerromantik, die ich gern glaube. Sie wiegt mich in Sicherheit, lullt mich ein: Wenn auch Gebete nicht mehr helfen, dann komm zu mir.

Was mich stört, sind diese leicht religiösen Anflüge, diese irgendwie auch im Text platzierte Passivität. Nicht: Hey, steh auf, wir suchen einen Weg! Sondern: Ruf mich, ich steh dir bei.

Eigentlich könnte der Text ja auch so gemeint sein: Gemeinsam, da finden wir einen Weg. Vertraue auf das Uns. Du musst nicht versuchen, alles allein hinzukriegen. Als Team sind wir besser ... und wenn es nur darum geht, die Verzweiflung, Trauer, Ohnmacht zu teilen und jemanden zu haben, der/die mir zuhört.

Die Herausforderung bleibt, sich nicht zu sehr darauf zu verlassen, dass immer andere für einen da sind. Ein bisschen Eigeninitiative und Aktivität muss man schon mitbringen. Denn wenn niemand mehr so richtig auf seinen eigenen Beinen stehen kann, dann hilft auch die Verklumpung im Team nicht viel.

Und wie um diese Gewissheit zu untermauern kommt der DJ Ryan Riback daher und macht aus dem leicht esoterischen Song eine Dance-Nummer mit Retro-Piano-House-Einsprengseln. Die Party kann beginnen. Und sogar Starley setzt sich eine bunte Partybrille auf und rockt den Dancefloor. Was so ein bisschen Aktion alles bewirken kann!




Freitag, 10. Februar 2017

KALEO: Way Down We Go



Verkörpert dieser Song wirklich das, was wir uns unter Musik aus Island vorstellen? Ganz aufrichtig: Nein.

Und das ist auch kein Wunder. Denn Kaleo firmieren zwar unter dem Label "Isländische Band", aber eigentlich leben sie schon seit gut zwei Jahren in den Vereinigten Staaten. Und zwar in Texas. Das im Hinterkopf, ist der Sound von Way Down We Go gar nicht mehr so überraschend. Und trotzdem kein bisschen weniger mitreißend.

Eigentlich ist der Titel schon eine ganze Weile veröffentlicht. Die All The Pretty Girls EP von Anfang 2015 listet den Song bereits als zweiten Track. Aber es brauchte doch eine Weile und wahrscheinlich auch noch das Album A/B von Ende 2016 bis auch der eine oder andere Soundscout die Band auf dem Radar hatte und in diverse Soundtracks hievte. Und so gelang der Sound unter die Menschen und schließlich in die Charts.

Was ist das Faszinierende an Way Down We Go?
Zuerst mal dieser träge sich hinschleppende Rhythmus, natürlich die herzzerreißende Stimme von Jökull Juliussonzwischen bitterem Flehen und völliger Verzweiflung, die quietschende Gitarre – und dann auch die ganz ganz feinen Anklänge von sphärischen Violinen, die dann eben doch einen kleinen Funken isländisches Flair in diesen ansonsten eher schwülen Song bringen.

Dieser Sound ist alles in allem keinesfalls neu. Versetzt mit zappeligen Videobild-Überblendungen wird das Ganze zu einer fiebrigen Erinnerung. Und weil da alles so schön verschwimmt, weiß man eben nicht genau: Ist das jetzt schon Rockabilly oder doch nur Lana del Ray … ähm sorry: Chris Isaak?

Egal – es ist in jedem Fall der schönste Retro-Hit, den wir seit Langem Langem hatten. Da lässt sich gut drin einlullen und das Jetzt und Heute vergessen. Denn schmerzhaft und schlimm war es früher auch schon.


Freitag, 3. Februar 2017

ZAYN | Taylor Swift:
I Don't Wanna Live Forever (Fifty Shades Darker)



Shades Of Grey und die dazugehörigen Verfilmungen scheinen also eines der bestimmenden Werke der 2010er zu sein. Das war für mich schon im Jahr 2011 reichlich unverständlich. Was genau ist an der Geschichte so aufregend, dass es MIllionen von Menschen dazu treibt, geradezu manisch die Bücher und Filme zu konsumieren? – Fast scheint es ja, als seien all die Leser*innen (angeblich mehrheitlich Frauen – wer weiß) wie Hauptfigur Ana gleichermaßen elektrisiert und naiv verblendet, immer mit der Hoffnung (dem Wissen?), hier gäbe es ein romantisches Familien-Happy End.

Eva Illouz findet eine ganz schöne Erläuterung: In Fifty Shades werden Beziehungen mehr oder weniger als Vertrag inszeniert, also einem Regelwerk, mit dem wir in allen Bereichen versuchen unser Zusammenleben zu definieren. Mit dieser Interpretation im Kopf, geht es in der Grey-Geschichte viel weniger um Emotionen, Verlangen und Gefühle als eher um Vertragsbruch, nicht geregelte Aspekte und die Unsicherheit/Angst, die entsteht, wenn etwas nicht auf- und unterschrieben ist. In den Romanen und Filmen wird das Ganze dann noch schön mit einer psychoanalytischen Komponente versehen – irgendwie auch wunderbar, wie hier Ursache und Wirkung sich ineinander verschlingen, die Rollen wechseln und ein großes Durcheinander verschiedenster Ebenen verursachen. Wer war zuerst da: Das Huhn oder das Ei? – Die Erklärung von Ängsten oder das Angstgefühl?

Shades Of Grey kann uns also auch zeigen, wie wir gerade miteinander leben und wie in einer kapitalistischen Welt Gefühle instrumentalisiert bzw. sortiert werden. Und natürlich erzählt es auch davon, was in diesem System irgendwie doch nicht so richtig funktioniert.

Ganz am Ende steht natürlich die Heirat und die traute Familie. Auch das keine große Überraschung, wenn auch reichlich ernüchternd. Eine Vision die sagt: Tobe dich ruhig aus, irgendwann landest du trotzdem in der Glücks-Normalität.
Mich würde ja jetzt schon interessieren, wie so ein Teil 4 aussehen könnte, wenn das ganze Einfamilienkartenhaus vielleicht ein paar Risse bekommt.

Nun also ist der zweite Teil als Verfilmung da. Und mit ihm auch ein Soundtrack, der eine hübsche Mischung angesagter Namen präsentiert: SIA, Halsey, Kygo, The Avener, John Legend ... und natürlich ZAYN & Taylor Swift. Die beiden präsentieren mit I Don't Wanna Live Forever (Fifty Shades Darker) so etwas wie den Signature-Song zum Film. Zwischen sparsam lasziver, elektronisch angehauchter Instrumentierung, flehendem Falsett-Gesang und irgendwie auch stadionmäßigen "Ohoho"-Gesängen platziert sich der Titel als musikalische Umsetzung eines Verlangens, eines Wunsches, der irgendwie nicht so einfach zu erreichen ist.

Eigentlich ist es ganz einfach: Er warted darauf, dass sie anruft, sie ist sich nicht sicher ob ihre Entscheidung, den Kontakt abzubrechen, wirklich richtig war. Das ist die Ausgangssituation zum zweiten Teil der Grey-Trilogie.
Gleichzeitig sind sich beide aber auch sicher: I don't wanna fit wherever I just wanna keep calling your name until you come back home
Das Warten, das Verlangen, das ist unaushaltbar und etwas, das definitiv nicht der Lebensinhalt der beiden sein sollte.

Ein bisschen grundsätzliche Verzweiflung schwingt in dem Song mit, da ja scheinbar der Ausgangspunkt dieses Klagens die Annahme des ewigen Lebens ist.
I Don't Wanna Live Forever – Mach' bloß, dass dieses unnütze Leben irgendwann aufhört. Und sei es erst nach 1.000 Jahren.

Umgekehrt angeschaut: Wenn du also zurück kommst zu mir, nach Hause (!), ich mir deiner Nähe und Gegenwart sicher bin, dann könnte ich mir das mit dem ewigen Leben schon vorstellen. Denn dann müsste ich mich ja auch nicht mehr so sehnen und verzehren …


Ich weiß nicht, ob wir alle diese Vision teilen – zumindest für Ana und Christian geht die Geschichte ja in eine Richtung, welche einen geringeren Emotions-Schmerzpegel verspricht. Sie steigt ins Taxi und fährt zu ihm …
Wie gesagt: Teil 4 steht noch aus.



Verglichen mit Earned It, einem der zentralen Songs aus Teil I, ist I Don't Wanna Live Forever um einiges existenzieller, vielleicht auch verzweifelter. Oder unszeniert sich zumindest so. Bei Earned It ging es einfach nur um lustvolles Verlangen und die Steigerung ins möglichst Extreme. Love Me Like You Do holte zum überbordenden Genuss aus – I Don't Wanna Live Forever ist dagegen das Leiden pur. Ana und Christian haben nun tatsächlich mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Oder müssen erstmal rauskriegen, was diese überhaupt sind. Es wird also kompliziert.

Nicht umsonst steht das reichlich oft in Statuszeilen sozialer Netzwerke. Bei allen Freiheiten und Vertragsklauseln – einfacher ist das Beziehungsleben in den 2010ern auf keinen Fall geworden.