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Freitag, 2. Oktober 2020

Loredana Delara:
Checka

Es gibt also auch Frauen im Rap-Biz, die schaffen es ganz normal zu Erfolg. Bestes Beispiel Delara. Ihre Performance bei Checka ist derartig authentisch, dabei cool und selbstbewusst .... und sie lässt trotz aller Attitüde zu, dass man sie mag. Loredana dagegen sieht vor allem im Video-Clip vor allem aus wie eine aufgeblasene Barbie-Puppe. Schade, dass an ihr immer mehr unecht ist. Nicht nur die aufgesetzten Bewegungen. 

Und genauso geht es mir bei der Produktion. Die Lyrics von Delara find ich überzeugend. Auf eine Art anheimelnd-nett und dann doch deutlich abgrenzend: Bis hierhin Kumpel und fertig. Ich zahl die Rechnung. Loredana dagegen nach wie vor eher die Rubrik Rotzgöre. Allerdings ziemlich verhätschelt und verzogen.

Warum die Menschen darauf derzeit so abfahren? Ich weiß es ernsthaft nicht. Vielleicht verkörpert diese Überkünstlichkeit ganz gut die Allmachts-Fantasie: Wir Menschen können einfach alles. 

Ob das wirklich schön ist, was aus solchen Möglichkeiten rauskommt ... also ich kenne genügend Beispiele, da hätte ich gern drauf verzichtet, dass Menschen jedes noch so kleine Schöpfungspotenzial ausschöpfen.

Mir ist da so jemand wie Delara lieber. Mit dem umgehen, was vorhanden ist und es so benutzen, dass man danach erst richtig Selbst sein kann.

Freitag, 12. April 2019

Samra: Harami



Doch, es gibt coole DeutschRap-Tracks. Shindys Affalterbach ist zum Beispiel zwar bretzdämlich aber saucool. Und auch Samra hat mit Cataleya schonmal gezeigt, dass er auch gute Tracks kann. Haramni ist dagegen nur unterirdisch:
Eine Aneinanderreihung von Schlagworten, die irgendwie Luxus und Erfolg signalisieren sollen. Klar: der kleine Migrantenjunge, der immer nur Bus fahren durfte, feiert sich, wenn er endlich Luxusauto fahren kann. Dazwischen dann gern ein paar Einsprengsel um zu beweisen, ich bin noch der Kriminelle, ich bin knallhart. Deshalb muss Samra auch so rumschreien, statt wirklich cool und laid back im schnellen Auto zu sitzen und durch pure Gelassenheit Verachtung zu demonstrieren.

Samra hat es definitiv noch nicht geschafft. Zu aufgeregt, zu battlemäßig, zu bewusst dissend. Das ist natürlich ein Muss im BattleRap. Auch wenn Rapper zunehmend gern behaupten, dass es weder stilistisch noch sonst irgendwelche Einschränkungen gäbe. Auf die oben genannten Ingredenzien zu verzichten geht schon einher mit einem Bedeutungsverlust. Das kann sich Samra echt nicht leisten.

Weder Djorkaeff als Produzent noch Orkan Çe als Videoregisseur haben dem Rapper hier einen guten Dienst erwiesen. Da ist zuviel zum 1000. Mal wiederholt. Keine eigene Idee. Null.



Höchstens das: Samra ist im gesamten Video allein. Hampelt und kämpft wie ein Wilder, rastet aus. Aber es ist niemand da. Weder ein Gegner noch irgendjemand, der ihn bewundern könnte. Ist das der Traum des Rappers? Endlich einsam und allein. Mit einer Menge Luxusgütern und einem Wolfshund. Ich würde diese Bilder eher als Verzweiflung denn als Glück lesen.

Vermutlich ist es das: Samra leidet so sehr an sich selbst und seiner Vergangenheit. Der wird noch lange brauchen, bis er zu sich gefunden hat und sein Leben genießen. Da werden ihm auch vier weitere Nummer 1-Hits nichts wirklich helfen.

Samstag, 20. Juni 2015

Anna Naklab feat. Alle Farben & YouNotUs:
supergirl

Da wird in Irland über die Öffnung der Ehe für Homosexuelle positiv abgestimmt und schon ist das Thema in allen Medien. Und den Soundtrack dazu liefert die deutsche Sängerin Anna Naklab. Mit ihrem Cover des Reamonn-Hits Supergirl aus dem Jahr 2000 hat sie einen Track aufgenommen, der zur Hymne der kommenden CSD-Paraden werden könnte. Denn anders als die meisten Interpret*innen, die fremde Hits nochmal aufnehmen, ändert sie nicht das Geschlecht der besungenen Person, sondern lässt alles so wie es Rea Garvey schon im Original gesungen hat. Und himmelt also ihr Supergirl an, das irre Dinge tut, lacht, weint und das Leben in vollen Zügen genießt.

Das Video zu der Neuaufnahme bebildert diese Geschichte genau so. Und fast könnt ich glauben: Alles in Ordnung in Deutschland, wo der Titel sich tatsächlich ganz oben in den Hitparaden platziert. Gleichgeschlechtliche Geschichten sind derartig Mainstream geworden und in der Mitte aller Medien angekommen – worüber wird da eigentlich in der Politik noch gestritten?



Paul Schulz kommt bei der der Beobachtung von Fernsehserien im Sissy-Magazin gerade zu einem ähnlichen Ergebnis und ruft schonmal das "Golden Age of Queer Television" aus. Passiert im Musikvideo genau dasselbe? Take Me To Church von Hozier, insgesamt zwar eher unangenehm, aber zumindest das Video zu Auf uns von Andreas Bourani mit gleichgeschlechtlichem Paar, und natürlich Addicted To You von AVICII – das sind die Beispiele aus den letzten 12 bis 15 Monaten, die es mit homosexuellen Bildern zu Konsens-Hits geschafft haben. Eine ordentlich Ausbeute, die vor 10 Jahren noch ganz anders ausgesehen hätte.

Anders als im TV vermisse ich bei den Musikvideos allerdings die Normalität. Gerade mal Kim Frank (Video zu Auf uns) oder auch Kraftclub schaffen es, zwei sich küssende Jungs zu zeigen ohne großes Drama. Bei Take Me To Church wird noch gegen Homophobie gekämpft (oder zumindest eine Haltung dazu gesucht) und bei Addicted To You wie auch bei Supergirl kommen ganz schön platte Klischees der lesbischen Beziehung zum Tragen:

Wenn sich zwei Frauen lieben, dann müssen das schon Supergirls sein, die ihr Leben ganz allein meistern. Autos reparieren? Kein Problem. Die große Freiheit auf dem Highway durch die Wüste spüren? Yeah! Tankstelle oder Bank überfallen um an Kohle ranzukommen? Na klar! – So sehr ich diese Besetzung ehemals männlicher Domänen durch Frauen mag und großartig finde, in der Version Thelma & Louise hat mir das wesentlich besser gefallen. Wenn das Ganze zusätzlich mit einer Outing-Geschichte vermischt wird … naja, das hat durchaus auch einen nicht ganz so klasse Beigeschmack. Denn was hier erzählt wird ist ja auch: Frau, gerade noch mit einem Typen zusammen, findet in einer anderen Frau endlich das, was sie gesucht hat, traut sich in dieser neuen Konstellation alles und erkennt plötzlich keine moralischen oder ethischen Werte mehr an. Die große, freie Liebe führt sie direkt hinein ins Verbrecherinnenleben. Lesbisch sein ist eben nichts Normales.

Das erzählt uns das Video von Supergirl also auch. Zumal es am Ende der verlassene Typ ist, der die Frau wieder zur Vernunft bringt und (vielleicht) von einer total bescheuerten Tat abhält. Da bereut sie es ja fast schon ein bisschen, dass sie sich wirklich mit einer anderen Frau eingelassen hat, nur wegen eines kleinen Streits...

Mit den wirklich emanzipierten nicht-heterosexuellen Geschichten ist es dann doch noch nicht ganz so einfach.

Man muss die Version von Anna Naklab deshalb nicht grundlegend blöd finden. Immerhin hat sie mit dem DJ Alle Farben und einem Projekt namens YouNotUs den Reamonn-Song tatsächlich auf den Stand von 2015 gebracht. Flockiger Deep-House-Sound statt handgemachter Pop-Rock – Synthesizer und Gitarren-Sample statt echte E-Gitarre und Schlagzeug. In den letzten 15 Jahren hat sich mit den Verteilungswegen von Musik auch der Sound grundlegend gewandelt. Seit die großen Musikfirmen nicht mehr komplett bestimmen können, welche Art von Sound zum Hit wird, hat es die rockorientierte Produktion schwer. Selbst Coldplay lassen sich sicherheitshalber mal von Tim Bergling produzieren.

Mit dem Sound wechselt auch die Stimmung des Liedes. War es bei Reamonn eine irgendwie traurige bis verzweifelte Geschichte: Was soll der Kerl mit der Gitarre mit so einer Frau anfangen, die selbstbestimmt ihr Leben lebt, da fehlt ihm ja völlig die Rolle? – so ist es nun bei Anna Naklab eher eine verträumte und hoffnungsvolle Ode: Supergirls können alles schaffen und wenn man dann einem nahe kommt, dann springt eine Menge von dieser Kraft und diesem Vermögen über.

Das find ich eine gar nicht so verkehrte Botschaft für das Jahr 2015. Jetzt wär es halt nur noch schön, wenn sich auch die Kerle über starke Superfrauen freuen könnten und sich von denen mitreißen lassen würden.

Samstag, 20. April 2013

WAX: Rosana

Es gibt einen Titel zur Zeit, der ist auf eine Art enorm entspannt, sogar ein klein wenig abwegig, so dass es für eine gewisse Coolness reicht und dann ist dieser Titel gleichzeitig auch total daneben und peinlich. Ich rede von Rosana und dem Mann dahinter WAX.



Schon mit der allerersten Begegnung ist mir klar: das wird keine leichte Nummer, sich hier zu positionieren. Erst mal lassen mich die Bläser im Latin-Stil aufhorchen. Dann ist da ein doch eher ungewöhnlicher Rhythmus – das ist alles reichlich faszinierend und auch überzeugend bis mitreißend. Der Mann dahinter hatte sich gerade von seinem Label DefJam getrennt, zeugt durchaus von einer gehörigen Portion Aberwitz. Zumal DefJam jetzt auch nicht die allerschlechteste Referenz im Musikgeschäft sind. Aber dann ist da dieser Text, der mich irgendwie beim Mitwippen stört. Was singt /rappt der da eigentlich? Das ist überaus sexualisiert – ok, solche Momente sind absolut eine geile und anmachende Nummer. Aber ist das wirklich in Ordnung für die Frau? Wird sie hier nicht zum bloßen Triebbefriedigungsgegenstand? Naja – sie ist ja zumindest stimmlich auch ordentlich präsent und lässt sich mit ihrem “What’s my motherfucking name?” garantiert nicht die Butter vom Brot nehmen. Allerdings: wir leben im Jahr 2013 – Ironie ist immer noch die allgegenwärtige Haltung. Wer spielt da eigentlich mit wem?

Und nach einer Weile bin ich mir bei der Art des Refrains auch nicht mehr sicher. Ganz allein in meinem Zimmerchen kann ich gut drauf, aber sobald der Sound etwas lauter und in größeren Räumen ertönt, klingt er schon ganz schön anbiedernd und cheesy. Ist der Track womöglich gar nicht cool? Mir ist es jedenfalls ordentlich peinlich zuzugeben, dass ich Rosana irgendwie auch mag. Vor allem wenn ich das Video dazu anschaue. Das ist schon witzig: Mexikanerhüte, Oberlippenbärte, die mindestens angeklebt sind und ein Rapper, der vor allem verstört und bescheuert rüber kommt. WAX kann sich ganz gut auch selber auf die Schippe nehmen.

Aber dann ist da auch diese eher Schenkelklopfnummer auf Musikantenstadlniveau: jede Szene spielt mit unseren allertriebhaftesten Phantasien spielt. Spielt? Wirklich? - Nach der ersten Variation hab ich’s doch gecheckt und weiß schon was kommt. Da ist dann maximal lustig, was WAX noch so alles einfällt. Überraschend ist das gar nicht so sehr.



Trotzdem lach ich (fast ) bei der einen oder anderen Stelle. Der Herr hat es also offenbar drauf mich zu foppen und auf falsche Fährten zu locken. Und vielleicht ist es auch das, was mich dann wieder überzeugt. Auch wenn ich es eigentlich ziemlich doof finde, dass nur die Dame im heißen Bikini oder in Unterwäsche durchs Video hüpfen muss. WAX selber trägt ganz macho-like Schlabber-Boxershorts und ein nicht mal sexy Unterhemd. Sind die Rollen also doch ordentlich ungerecht verteilt. Und Klischees über Mexikaner auszupacken ist doch eigentlich auch doof, oder?

Wie gesagt: die Kritik funktioniert dann jeweils nur halb, weil es genügend Brüche gibt. Welcher Rap-Künstler schafft es schon, sich ordentlich zum Affen zu machen und als Volltrottel hinzustellen? Welcher HipHop-Song von einem Mann erzählt schon, dass der Typ das sexuelle Verlangen der Frau irgendwie nicht richtig packt? - Ist das der Grund, warum Rosana im Moment nur in deutschsprachigen Raum ein Hit ist? In den Gebieten, in denen die Jungs den Text automatisch verstehen, klappt's nicht so gut. Weil die meisten Jungs eben doch nicht zu Idioten gemacht werden wollen. (Obwohl sie es ja durchaus oft genug sind. Aber das zuzugeben benötigt schon ordentlich Größe.)

Und damit gelingt WAX auf jeden Fall, sich komplett und auf mehreren Ebenen dem zu entziehen, was wir so gern zelebrieren: Einordnung und Bewertung. Die Welt ist nunmal nicht schwarzweiß. Und so ist es auch nicht Pop-Musik. Und auch nicht HipHop. Und Rollenbilder erst recht nicht. Das finde ich ordentlich anerkennenswert. Auch wenn ich trotzdem niemandem sagen werde, dass ich den Track tatsächlich auf meinem mp3-Player gebunkert habe.


PS: Ganz zufällig erwischte ich mich kürzlich bei einer belgischen Band in genau derselben Situation. Frag ich mich nun: Machen Vive la Fête nicht genau dasselbe? Fette Coolness auf der einen Seite und die totale Proleten-Nummer auf der anderen? Und viel viel Spielraum dazwischen. - Ich denke, wir werden uns künftig noch einige male mit dieser Art der Uneindeutigkeit beschäftigen müssen.