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Freitag, 13. Juli 2018

Bushido Featuring Samra & Capital Bra:
Für euch alle



Deutschland im Sommer 2018. Das heißt unter anderem: Straßenrap bestimmt weiterhin das Pop-Business. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht die ansonsten eher bieder GfK einen neuen Rekord, eine neue Nummer 1 von einem deutschen Rapper abfeiert. Nunja - Geld stinkt nicht. Und die Straßenjungs dürfen sich allesamt freuen, dass sie nun zum Roten-Teppich-Team gehören, herumkotzen und pöbeln können so wie vor Jahrzehnten die schlimmsten GlamRocker und Punks und Techno-Antihelden ... Am Ende hat sich dann doch immer das Karrussell weiter gedreht und geändert hat sich eher gar nichts.

Könnte jetzt natürlich schon ein bisschen anders sein. Zumindest, was so die Labellandschaft angeht, hat sich doch schon einiges getan. Selbstvermarktungsplattformen generieren Hits, die großen Major treten da eher im Hintergrund als Vertrieb auf. Und so mancher der Rüpelhelden verweist nicht ohne Grund darauf, dass er es aus eigener Kraft geschafft hat.

Zum Beispiel Capital Bra. Mit vorsätzlich veröffentlichten Luschenhits hat er sein Label Team Kuku erfolgreich gemacht. Kohle eingespielt. Ruhm geerntet. - und dann, kurz vor Veröffentlichung seines Albums, trennt er sich spektakulär. Das ist mal Marketing. Da hat jemand das Geschäft verstanden und schert sich einen Dreck um Werte wie Loyalität, Familie, Aufrichtigkeit. Auch witzig.

Dann wurde lange spekuliert welches große Label ihn wohl aufnehmen wird. Und schwups: am 6. Juli mit Veröffentlichung des Tracks Für euch alle war es so weit. Capital Bra geht zu Bushidos ersguterjunge. Das is mal wirklich ne Nachricht. Denn immerhin: es ist nicht BMG oder Universal oder oder oder ... es bleibt einer der großen Player im HipHop-Business.

Natürlich muss man da auch ein bisschen genauer hingucken. Denn Bushidos Familie ist jetzt auch nicht unbedingt das, was man groß nennt. Mit Samra sind's mal gerade drei Acts, die sich bei EGJ versammeln. Gut, zwei davon sind derzeit Supergewichte ... marktbestimmende Label sehen trotzdem irgendwie anders aus.

Das ganze Theater ist den meisten 14-18-jährigen eigentlich ziemlich egal. Lässt sich ganz gut teilen wie eine billig produzierte Soap. Oder ein doofes Katzenvideo. Heute siebenmillionenfach geteilt - morgen schon wieder vergessen. Das ist dann vermutlich auch der Grund, warum es völlig egal ist, was Capital gestern getan und gesagt hat. Alles nur eine Momentaufnahme. Und hoffentlich möglichst krass.

Insofern sind die Beteurungen auf Für euch alle auch einigermaßen ins Leere gehauen. Capital ist immer noch aufrichtig. Er ist der einzige, der sich nicht verändert. Der Stall bei Team Kuku dagegen war nur noch geldgierig. Dabei war's doch der Bra, der erst den Erfolg gebracht hat.
Laaangweilig. Hatten wir doch alles schon in unzähligen anderen Konstellationen. Ist auch in der Billionsten Wiederholung nicht einen Cent mehr überraschend.

Und so lullt Für euch alle irgendwie schön seicht dahin. Selbst das Video hat nicht wahnsinnig Aufregendes zu bieten. sind Bushido und sein EGJ dann doch schon so behäbig und alt geworden, dass es für die wiklichen Neuerungen eben nicht mehr reicht? Capital Bra als Frischzellenkur? Ausgerechnet der, der im Mainstream eher so mit mehreren Schlagerraphits durchgestartet ist?

Ich vermute, es ist völlig sinnfrei sich zu tiefgreifend mit den Jungs und ihren Strategien zu beschäftigen. Weil genau das sie eher adelt. Über all dieses Zeug und die Auswirkungen ihres Tuns machen sie sich selbst nie so viele Gedanken. Alles was sie wollen ist Spaß. Und natürlich den Luxus dazu. Klingt für mich 1:1 nach dem, was in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch grad gut abgeht. HipHop hat's geschafft - es verkörpert den gesellschaftlichen Mittenmainstream. Wird spannend (oder richtig gruselig), wenn die nur zur Show hingeworfenen Phrasen dann wirklich von der Mehrheit aufgenommen werden.


Freitag, 17. Oktober 2014

Sheppard: Geronimo

Ich weiß wirklich nicht, was ich von Sheppard halten soll. Einerseits sind sie als Band großartig. Das kann man schön im Video beobachten, wie sie da performen: mit Spaß und Herzblut, engagiert und trotz allem irgendwie auch cool.



Das hat natürlich auch mit ihrem Styling zu tun. Ein bisschen angehipstert, ein bisschen independent, schräg genug um noch einen Hauch Art-Act abzubekommen. Schöne Mischung.

Und Geronimo selber kommt als Song dann ganz hübsch eingängig daher, bedient sich aus dem Kasten von handgemachtem Pop-Rock ohne die nötige Prise Verspieltheit zu vergessen, die das Ganze dann doch erst genießbar macht.

Und trotzdem gibt es da Punkte, die gehen gar nicht.

Welcher beschissene Marketing-Berater hat ihnen eigentlich dieses debile CD-Cover eingeredet?



Da ist gar nichts mehr übrig von der hübschen, versponnen Schrägheit, die sie sonst verkörpern. Das ist glattgebügelter Normcore im ach so authentischen Country-Style. Weil's grad so übermäßig in ist, sich naturverbunden und bodenständig zu geben. Ganz laaaaangweilig.

Gleiches beim Video. Der Live-Auftritt zwischen den übergroßen Buchstaben und den hübschen Licht/Schatten-Effekten hätte doch völlig genügt. Überzeugend und mit Spaß (siehe oben). Nee, da muss jetzt noch ein Laufband dazu und ein zwei optische Täuschungsmätzchen, um ... Ja, um was eigentlich zu tun? Mir zu zeigen, dass das Leben ein Hamsterrad ist? Dass wir armen kleinen Würmer uns ganz schnell aus dem Gewicht bringen lassen? Damit ich ja auch verstehe, was der Text meint?

Ehm – und das lässt eine Band mit sich machen, die sich doch gerade so schön unkompliziert und fröhlich aufgestellt hat. Ihre Auftritte im Radio und TV machen Spaß. Mensch, so einfach ist das mit dem Pop und der Musik und dem ganzen Leben.

Schade, dass die unbeschwerte Leichtigkeit, die unabhängige Produktionen in ihren besten Momenten haben, sich hier so vertreiben lässt. Geronimo wäre der weitaus bessere Titel, wenn er nicht so bekannt geworden wäre. Und ich vermute, Sheppard wäre auch die um Längen interessantere Band ohne den ganz großen Erfolg. Jetzt kann man eigentlich nur noch drauf warten, dass sie zu den Vorreitern des New Country ausgerufen werden.

Freitag, 29. März 2013

Macklemore X Ryan Lewis:Can’t Hold Us



Macklemore & Ryan Lewis ist tasächlich das Beste, was dem globalen Musikgeschäft passieren konnte. Und ich habe das Gefühl, dass die beiden gerade zum rechten Zeitpunkt aufgetaucht sind, um uns alle vor der endgültigen Vereinheitsbreiung zu retten. Die beiden beweisen sehr eindrucksvoll, dass es eben doch möglich ist, einen eigenen Kopf zu behalten, diesen einzusetzen und dabei auch noch ordentlich Spaß zu haben. Party ist eben nicht nur Champagner und schnelle Autos und teure Klamotten. Und wer das alles nicht schon bei Thrift Shop begriffen hat, der/die bekommt es nun noch einmal über den Pelz gezogen mit dem zweiten Selbstläufer aus dem The Heist-Album: Can’t Hold Us.

Erschienen war Can’t Hold Us schon im August 2011. Damals war das Duo in Europa noch völlig unbekannt. Und mit der Entscheidung (damals vielleicht zwar bewusst aber noch längst nicht so politisch und konsequent durchgezogen), sich lediglich selbst zu vermarkten, bestand auch keine große Chance, die übertrieben aufgeregten Charts irgendwo zu erreichen. Das war vielleicht auch nicht das vorrangige Ziel der beiden. Nachdem dann aber Thrift Shop tatsächlich zum internationalen Renner wurde – und ich behaupte an dieser Stelle noch einmal, dass das vor allem an der Botschaft lag den ewigen Konsumzwang einfach mal sein zu lassen und wieder an den echten Spaß zu denken – nachdem also alle irgendwie auf Thrift Shop abfuhren, gelangten auch die anderen Tracks der beiden in den Mittelpunkt des Interesses. Dass es als zweiten Titel Can’t Hold Us erwischte, ist dabei gar nicht verwunderlich. Der Track ist nämlich ein anständiger Feger. Er ist zwingend mitreißend und kann selbst eingefleischte HipHop-Hasser überzeugen. Wenn die großen Stars der Szene ein wenig Mum hätten, dann hätten sie locker auch so etwas wie Can’t Hold Us hinlegen können. Denn so weit weg vom Bekannten ist Can’t Hold Us gar nicht. Schließlich geht es um Party pur. Ein durchaus bekanntes Sujet. Aufgrund der stimmlichen Ähnlichkeit von featured Ray Dalton ist Can’t Hold Us ja so etwas wie der beste Track, den Sean Paul nie aufgenommen hat.

Und warum kriegt das so einer, der ja ursprünglich auch von der Straße kommt und immer ganz viel drauf gehalten hat, dass er ein Teil der Crowd bleibt, warum kriegt das so einer nach kommerziellem Erfolg nicht mehr hin? Warum lässt der sich vom allgemeinen oberflächlichen Blingbling einholen? – Die Antwort kann ich mir sparen. Und ich find’s spannend zuzuschauen, was aus Macklemore und Ryan Lewis nach ihrem globalen Hype wird. Drei Nr.1-Hits nacheinander in Australien – das kann einem Musiker/einer Musikerin auch schnell zu Kopf steigen. Werden die beiden in zwei Jahren immer noch liebevoll gestaltete CD-Editionen herstellen? Und diese eigenhändig zur Post bringen? So passiert es derzeit ja, wenn man sich entscheidet The Heist als Hardcopy zu erwerben. – Ich würd’s mir wünschen.







Freitag, 8. Februar 2013

Macklemore & Ryan Lewis feat. Wanz: Thrift Shop



Es kommt viel zu selten vor, dass einem ein Track begegnet, bei dem es von Anfang an zündet und der auch nach drei Monaten immer noch infektiös ist. Und wenn dieser Song dann auch noch einen Inhalt hat, der über das allgemeine Gepose oder Gejammere hinaus geht, dann ist das nahezu schon das Ultimative, was zu erreichen ist. Im Fall von Thrift Shop gesellt sich zu all dem aber noch so etwas wie eine kleine Sensation – oder besser: Revolution. Macklemore & Ryan Lewis haben sich nämlich ganz konsequent dafür entschieden, auf die Vermarktung durch ein großes Label zu verzichten. Und sind mittlerweile trotzdem zu so etwas wie Stars geworden. Und das ist das Besondere und Unglaubliche an den beiden, ihrem Hit Thrift Shop und ihrem Album The Heist. Es verkauft sich wie blöde, es wird in den Charts ganz oben notiert (aktuell war Thrift Shop in sieben Ländern als Nr.1-Hit gelistet) und das, obwohl es nur durch Eigenvertrieb erhältlich ist. Die allermeisten anderen Künstler und Künstlerinnen haben sich spätestens bei steigender Nachfrage dafür entschieden, doch mit einem Major zusammenzugehen um möglichst viele Einheiten unter die Menschen zu bringen. Oder um fett beworben zu werden. Oder was immer die Gründe waren. Und die großen Label, die hatten natürlich ihre Freude dran: wenig Arbeit beim Aufbau der Künstler und Künstlerinnen, nahezu keine Investitionen in die Entwicklung, aber die Möglichkeit, mit dem Verkauf von CDs Gewinn abzuschöpfen.

Mit dem Internet und vor allem mit der Möglichkeit Musik vor allem digital zu vertreiben, werden diese Labels mehr und mehr überflüssig. Oder besser: sie hätten eine andere Aufgabe, die sie aber nur in den wenigsten Fällen wahrnehmen. Musik verkauft sich mittlerweile völlig unabhängig von einem großen Marktführer. CRO und Macklemore machen es vor (und natürlich eine ganze Reihe anderer Artists auch – nur nicht ganz so medial umschwärmt). Sie verzichten auf dicke Bewerbung in TV-Shows oder durch Werbespots, sie vertrauen darauf, dass sich gute Tracks dann doch irgendwann durchsetzen, und es ist ihnen prinzipiell egal, wenn es mal nicht der Top 10 Hit ist. Und das macht sie sympathisch, authentisch und gut – denn das ist Musik bei der es um etwas geht. Um Geschichten oder um wirkliche Unterhaltung. In jedem Fall um Leben statt um synthetischen Konsum. So ist es dann auch kein Zufall, dass ausgerechnet Thrift Shop die Hymne zum Antikonsum ist. Da wird der Spaß gefeiert, den Einkaufen und Shoppen tatsächlich macht. Aber da wird auch ganz deutlich gesagt: den Spaß kannst du auch für 99 Cent haben. Im Second Hand Laden nämlich. Gutes muss nämlich nicht zwangsläufig unendlich teuer sein. Oder auch: was viel kostet ist noch lange nicht immer gut. - Und weil dieser Spaß keine Ersatzhandlung ist, sondern weil es ganz ernst gemeint ist, genau deshalb ist der sich daraus entwickelnde Stil obendrein noch richtig cool. Geschmack kann man nicht kaufen. Und Stil hat vor allem auch was mit Selbstbewusstsein zu tun.



Ich wünsche mir wirklich, dass sich diese Bewegung noch ein bisschen weiter verbreitet. Auch wenn ich Angst habe, dass mit der Masse auch der Thrift Shop Style unerträglich und schlimm wird. Weil leere Oberfläche. Bis sich eine Masse mal traut, dem sich bereits zu Tode drehenden Konsumwirtschaftssystem einfach mal den Stinkefinger zu zeigen und das Einkaufen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, bis dahin wird's wohl noch einige Jahrzehnte dauern - wenn es überhaupt dazu kommt.

Letzte Anmerkung an dieser Stelle: Ärgerlich, um nicht zu sagen idiotisch, ist die Tatsache, dass die GEMA mal wieder das Video auf der offiziellen youtube-Plattform von Ryan Lewis hat sperren lassen. 87 Mio Klicks weltweit – außer in Deutschland. Mir wäre das als Einrichtung echt peinlich. - Naja, die großen Labels müssen es lernen, dass sie nicht mehr allein im Zoo sind – die GEMA wirds irgendwann auch schnallen müssen. Gibt ja bereits die ersten Initiativen, die sich für ein anderes Verwertungssystem einsetzen. Da arbeitet die GEMA also grad fleißig an ihrer Selbstabschaffung.








Samstag, 14. Juli 2012

LYKKE LI: I Follow Rivers

Schwedischer Pop ist also das, was derzeit wirklich zieht. Gerade gewann Loreen den Eurovision Song Contest. Und schon ist die nächste schwedische Dame am Start und schlägt deutsche Musikhörerinnen in ihren Bann: LYKKE LI.

Schon 2008 avancierte sie quasi von heut auf morgen zum Liebling der Indie-Szene. Ich kann mich noch recht gut erinnern wie coole Radiomoderatorinnen in Verzückung gerieten und immer wieder Lykke Li ins Programm brachten. So richtig verstehen konnte ich das nicht. Ich weiß nicht, ob es ein zu viel oder ein zu wenig an Pop war, dass es verhinderte, den Funken zu mir überspringen zu lassen. Zwischen magischer Eingängigkeit und Belanglosigkeit ist es nur ein schmaler Grat, und was für genial gehalten wird oder für anbiedernd alles andere als Konsens.

So ging es dann auch Lykke Li. Ihr nächstes Album Whounded Rhymes wurde von einer Reihe Fans als Verrat gewertet – zu viel Pop. Andere wieder feierten begeistert die dunkel und etwas schräge Mischung, die in Alltagsproduktionen nur selten zu finden sind. Für diese Uneindeutigkeit könnte I Follow Rivers von dem Album stehen. Im Original ist es tatsächlich ein wunderschöner, auch eingängiger Popsong, der aber irgendwie auch widerspenstig daher kommt. Zumindest ist nicht gleich die erste Begegnung auch sofort der Beginn einer großen Liebe.



Welche Qualitäten in dem Song wirklich stecken, wurde spätestens deutlich, als eine Coverversion in Umlauf kam, die auf pompöse Produktion und Inszenierung verzichtete. Die belgische Band Triggerfinger spielte nämlich kurzerhand eine mehr oder weniger akustische Version des Titels bei einem Radioauftritt ein.



Die Version wurde in den Beneluxstaaten dann sogar wesentlich erfolgreicher als das Original. Und auch in Deutschland kommen mehr und mehr Freunde hinzu. Für den einen oder die andere wurde die Coverversion auch zur Brücke um das Original zu entdecken.

Ob nun über die abgespeckte Variante oder durch ein untrügsames Bauchgefühl. Auch die Macher der Sat.1-Sendung ran erkannten das Potenzial von I Follow Rivers. Zur Übertragung des UEFA Pokal-Endspiels wurde der Magicians Remix als musikalische Umrahmung gewählt und so einer großen Masse von Konsumenten nahe gebracht. Auffällig bei dieser, äußerst populären Version ist das Fehlen jeglicher Eigenheit, die noch das Original hatte. Die Melodie ist übrig, der Gesang irgendwie auch, trotzdem ist dieser Remix enorm farblos. Überraschend ist das natürlich nicht, denn natürlich möchte Sat.1 mit Hintergrund Musik alles andere als verstören oder aufhorchen lassen. Es sollen alle erreicht werden, am liebsten irgendwie unbemerkt und unterschwellig.



Die Rechnung ging auf. I Follow Rivers wurde zum Überraschungshit und stürmte die Verkaufscharts. In diesen wird zwar nicht nach verschiedenen Versionen getrennt, die Platzierung beinhaltet also sowohl die Verkäufe der Originalversion wie die des Remixes, ich würde aber mal davon ausgehen, dass der durch Sat.1 promotete Remix wesentlich mehr Käufer gefunden hat. An dieser Stelleunterlasse ich mal Überlegungen, warum Menschen hierzulande sich so sehr von Seichtheit verzücken lassen.

Die Story ist damit noch nicht beendet. Kurzzeitige Hits, verursacht durch prominenten TV-Einsatz gibt es eine Menge. I Follow Rivers konnte den kurzen Erfolg nutzen als Startschuss für eine weitere Faszination und Präsenz. Und ich würde mittlerweile so weit gehen zu sagen, dass der Titel zu einem Stück der aktuellen Populärkultur geworden ist. Und wieder ist es die Wandlungsfähigkeit (die Allgemeingültigkeit) des Songs, die diese Entwicklung begünstigt. Triggerfinger dürfen zum Boxkampf Wladimir Klitschko gegen Tony Thompson auftreten und den Titel spielen und gerade erscheint eine Sonderedition von Whounded Rhymes, die auch neue Remixe von I Follow Rivers enthält. Derweil meldet media control, dass I Follow Rivers der meistverkaufte Song der Woche ist. Ich behaupte an dieser Stelle einfach mal, dass die Qualität eines Songs sich eben einfach durchsetzt.










Freitag, 6. April 2012

CRO: Easy

Die Hoffnung und Rettung des deutschen Rap heißt Casper. So galt es bis vor kurzem. Mittlerweile ist mindestens ein Name dazugekommen, nämlich CRO. Die 14- bis 21-jährigen verfolgen und verehren ihn bereits seit einigen Monaten. Mixtapes, Videos, Tracks – das verbreitete sich rasend schnell durchs Netz und sorgte für ungemeine Popularität auf Schulhöfen und mp3-Playern. Vielleicht ist CRO damit auch der tatsächlich erste Internet-Popstar Deutschlands. In den USA oder Britannien mittlerweile ja sowas wie der Standard hat es in Deutschland bis auf wenige Einzelhits noch kein Künstler so richtig geschafft allein durchs Internet eine solche Bekanntheit zu erlangen, dass die Musikindustrie nicht mehr dran vorbei kann.

Nun ist also CRO da. Nachdem es virtuell also schon ordentlich gefunkt hatte, folgte Anfang des Jahres der Wechsel zu UNIVERSAL Publishing als Verleger. Offensichtlich hatte CRO nunmehr die Nase voll vom “alles gratis” für die Fans. Vielleicht fühlte er einfach auch, dass seine Ideen hervorragende Vorlagen bieten, um schnell kopiert zu werden. Wie auch immer, große Verlagsgesellschaft bedeutete für CRO noch lange nicht, auch das Label zu wechseln oder seine Songs im Netz zu sperren. So erschien Easy also auch als CD unter dem Label Chimperator.

Der Song ist derartig entspannt, dass ich völlig infiziert wurde und an dieser Stelle gar nicht die gewohnte Meckerkeule auspacken kann. Ich mein, sich zu trauen Boney Ms Sunny aus dem Jahr 1976 zu zitieren ist nicht nur mutig, sondern hätte auch ganz schön nach hinten losgehen können. Passiert aber nicht. Und überraschendere Rhymes auf “easy” hab ich tatsächlich noch nicht gehört. Lassen wir es also dabei, es ist ein cooler Song. Zurecht auf Platz 2 der Verkaufscharts gelandet. Und es ist tatsächlich egal, ob das nun Pop oder Rap oder irgendwas dazwischen ist. Schade wird es höchstens sein, dass schon in wenigen Wochen der Titel derartig zu Tode genudelt worden sein wird, dass CRO ziemlich arbeiten muss, um aus diesem Überhitschatten wieder raus zu kommen.



PS: Wenn es denn Meckerei sein soll, dann vielleicht diese: ich mag die Pandamaske nicht ...

PPS: Und wenn ihr auf mehr frischen, deutschsprachigen Sprechgesang steht, dann kann ich euch nur Shaban & Käptn Peng oder den Täubling empfehlen.




Freitag, 9. Dezember 2011

Adele: Someone Like You


Sie ist wahrscheinlich die erfolgreichste Künstlerin des Jahres. Zumindest, wenn man Nachrichten über sie liest, dann geht es immer nur um Superlative: die erste britische Künstlerin, die innerhalb eines Jahres drei Millionen Exemplare eines Albums verkaufen konnte, die erste britische Künstlerin die in den U.S.A. zwei Nummer 1 Hits von einem Album landen konnte, die erste Künstlerin, die es schaffte 16 Wochen lang mit einem Album die britischen Charts anzuführen ... Adele hat Popgeschichte geschrieben. Vielleicht nicht ganz so deutlich in Deutschland, aber auch hier ist mit Someone Like You mittlerweile der dritte Titel zu einem eindeutigen Hit geworden, der im Verkauf genauso gut abschneidet wie beim Einsatz in den Medien. Adele ist auch in Deutschland ein Star, auf den sich irgendwie alle einigen können.

Es begann Anfang des Jahres mit dem großartigen Rolling In The Deep, welches im Februar für zwei Wochen an der Spitze der deutschen Singlecharts stand und bis heute unter den 100 bestverkauften Tracks der Woche zu finden ist. In ihrer Heimat Großbritannien setzte das richtig große Adele-Fieber schon etwas eher ein. Ende September 2010 sang sie in der britischen Variante von X Factor den Titel Make You Feel My Love von ihrem Debüt Album 19. Daraufhin war die Nachfrage nach dem Titel enorm und als das Album 21 folgte und spätestens als sie zur Verleihung der BRIT awards im Februar 2011 Someone Like You live interpretierte, war es eine regelrechte Adele-Hysterie die losgetreten war. Weder für ihre Alben noch für ihre Singles gab es nun ein Halten mehr.

In Deutschland dauerte es bis zum Herbst, ehe der Someone Like You als Single-Download stärker promoted wurde. Bis heute ist der Titel nicht auf CD-Single erhältlich. Und trotzdem gehört er zu den erfolgreichsten und beliebten. Offensichtlich tut sich nun auch in Deutschland ganz gehörig etwas auf dem Musikmarkt. Gerüchten zufolge wollen die Majors im Jahr 2012 die CD-Produktion mehr oder weniger einstellen. Im Fall von Adele und dem Independent-Label XL hat dieser Verzicht auf ein physisches Produkt bereits stattgefunden und bewiesen, dass es keinen größeren Schaden anrichtet. Ausholen könnte ich an dieser Stelle und noch einmal untersuchen, wo denn das so häufig behauptete gewaltige Innovationspotenzial der Majors liegt … Geschenkt!

Someone Like You ist eine wunderschöne, emotionale Piano-Ballade. Da gibt es nichts weiter als Adeles Stimme und das Klavier. Es ist auch ein wenig ungewöhnlich, dass eine solch sparsam instrumentierte Aufnahme derart erfolgreich ist. Bei Set Fire To The Rain und noch mehr bei Rolling In The Deep war die Instrumentierung und Produktion wesentlich pop-orientierter – insofern ist deren Erfolg weder verwunderlich. Der komplette Verzicht auf Geigen und Schlagzeug machen Someone Like You einzigartig. Und hier drückt sich vielleicht wirklich das aus, was in letzter Zeit unter dem Schlagwort Authentizität, Wahrhaftigkeit und Echtheit immer wieder durch irgendwelche Analysen und Medienberichte geistert. Natürlich ist auch Adele in gewisser Weise eine Inszenierung – aber eben eine, die auf etwas Natürliches, Echtes verweist. Und das auch (bzw. gerade) funktioniert im kleinen, überschaubaren Rahmen, im Club. Es ist also nur konsequent und richtig, dass Adele gern mal auf die großen Konzertbühnen verzichtet. Sie weiß nur zu genau, dass sie vor 20.000 Menschen eigentlich nur noch verlieren kann – zu viel Technik, zu viel Show wäre nötig um das zu vermittlen, was sie gern transportieren möchte.



Interessanterweise sind es ja gerade zwei Titel, die eine ähnliche Richtung beschreiben obwohl sie völlig verschieden sind. Lana Del Rey ist die andere Frau, bei der immer wieder die Begriffe Echtheit und Authentizität fallen – allerdings weil an ihr so gar nichts echt ist. Wahrscheinlich ist es genau deshalb auch völlig überflüssig beide zu vergleichen. Sie nebeneinander zu stellen erklärt trotzdem viel über unser Leben heute und unsere Sehnsüchte. Welche von beiden recht behält, wissen wir in ein paar Jahren.