Jetzt werde ich wahrscheinlich doch noch zum Zayn Malik-Fan. Das, was der junge Mann da so veröffentlicht, finde ich mehrheitlich doch überzeugenden Pop. Und ganz besonders seine letzte Single Dusk Till Dawn, zu der er sich stimmkräftige Unterstützung mit SIA geholt hat.
Der Song ist derartig fulminant, pathetisch, auch kitschig ... in der richtigen Lautstärke gespielt, bläst er alles weg und lässt nur noch sich selbst zu. Dabei setzt die Produktion auf sehr klassische Stilmittel: Sie beginnt mit ganz leisem, fast zurückgenommenem Gesang. Kurz vor dem Refrain setzt Sia's Gesang ein, die beiden beginnen ein Duett mit ungewöhnlichen Harmonien, bevor der Bombast-Chorus einsetzt. Das Versprechen "Baby, I am right here" wird dann im Falsett gesungen – wer so an seine Grenzen geht, kann dieser Mensch lügen?
Dusk Till Dawn ist der zweite Song innerhalb kürzester Zeit, der mich mit Retro-Stadion-Pop-Inszenierung überzeugt. Vor wenigen Wochen waren es noch Louis Tomlinson & Bebe Rexha, die mit Back To You einen Eindruck davon vermittelten, wie zeitgemäß die Liebeshymne auch 2017 noch sein kann. Hier ist also ein zweites Duett, dass gegen alle Zerrissenheit und Selbstverliebtheit der Welt den schwülstigen Liebesexzess setzt. Schade, dass niemand auf die Idee kam, diesen Song zum Eurovision Contest zu schicken – der hätte mit Glamour und Bravour jede Halle zum Beben gebracht. Und vermutlich fulminant gewonnen.
Dass ZAYN für überdimensionale Inszenierungen was übrig hat, wissen wir schon seit seinem Einstand mit Pillowtalk. Bei Dusk Till Dawn setzt er auf die bekannte Geschichte von Bonnie & Clyde: Im nicht ganz legalen Kampf gegen böse Gangsterkartelle mit Tricks und Täuschung muss sich das Paar bedingungslos aufeinander verlassen können. Kein Zweifel darf den Zusammenhalt trüben. – Das ist also das Märchen im Jahr 2017, das die große Hoffnung auf ein Leben zu zweit bebildert.
Ist nicht ganz mein Fall. Hab ich irgendwie schon zu oft gesehen. Dafür lässt sich ZAYN besonders attraktiv ablichten. Ich hätte mir dann aber doch eine Story gewünscht wie zum Beispiel von Tachaya. Mit ein paar mehr überraschenden Wendungen und noch um einiges märchenhaft abgedrehter. Das würde Zayn garantiert auch stehen.
Shades Of Grey und die dazugehörigen Verfilmungen scheinen also eines der bestimmenden Werke der 2010er zu sein. Das war für mich schon im Jahr 2011 reichlich unverständlich. Was genau ist an der Geschichte so aufregend, dass es MIllionen von Menschen dazu treibt, geradezu manisch die Bücher und Filme zu konsumieren? – Fast scheint es ja, als seien all die Leser*innen (angeblich mehrheitlich Frauen – wer weiß) wie Hauptfigur Ana gleichermaßen elektrisiert und naiv verblendet, immer mit der Hoffnung (dem Wissen?), hier gäbe es ein romantisches Familien-Happy End.
Eva Illouz findet eine ganz schöne Erläuterung: In Fifty Shades werden Beziehungen mehr oder weniger als Vertrag inszeniert, also einem Regelwerk, mit dem wir in allen Bereichen versuchen unser Zusammenleben zu definieren. Mit dieser Interpretation im Kopf, geht es in der Grey-Geschichte viel weniger um Emotionen, Verlangen und Gefühle als eher um Vertragsbruch, nicht geregelte Aspekte und die Unsicherheit/Angst, die entsteht, wenn etwas nicht auf- und unterschrieben ist. In den Romanen und Filmen wird das Ganze dann noch schön mit einer psychoanalytischen Komponente versehen – irgendwie auch wunderbar, wie hier Ursache und Wirkung sich ineinander verschlingen, die Rollen wechseln und ein großes Durcheinander verschiedenster Ebenen verursachen. Wer war zuerst da: Das Huhn oder das Ei? – Die Erklärung von Ängsten oder das Angstgefühl?
Shades Of Grey kann uns also auch zeigen, wie wir gerade miteinander leben und wie in einer kapitalistischen Welt Gefühle instrumentalisiert bzw. sortiert werden. Und natürlich erzählt es auch davon, was in diesem System irgendwie doch nicht so richtig funktioniert.
Ganz am Ende steht natürlich die Heirat und die traute Familie. Auch das keine große Überraschung, wenn auch reichlich ernüchternd. Eine Vision die sagt: Tobe dich ruhig aus, irgendwann landest du trotzdem in der Glücks-Normalität.
Mich würde ja jetzt schon interessieren, wie so ein Teil 4 aussehen könnte, wenn das ganze Einfamilienkartenhaus vielleicht ein paar Risse bekommt.
Nun also ist der zweite Teil als Verfilmung da. Und mit ihm auch ein Soundtrack, der eine hübsche Mischung angesagter Namen präsentiert: SIA, Halsey, Kygo, The Avener, John Legend ... und natürlich ZAYN & Taylor Swift. Die beiden präsentieren mit I Don't Wanna Live Forever (Fifty Shades Darker) so etwas wie den Signature-Song zum Film. Zwischen sparsam lasziver, elektronisch angehauchter Instrumentierung, flehendem Falsett-Gesang und irgendwie auch stadionmäßigen "Ohoho"-Gesängen platziert sich der Titel als musikalische Umsetzung eines Verlangens, eines Wunsches, der irgendwie nicht so einfach zu erreichen ist.
Eigentlich ist es ganz einfach: Er warted darauf, dass sie anruft, sie ist sich nicht sicher ob ihre Entscheidung, den Kontakt abzubrechen, wirklich richtig war. Das ist die Ausgangssituation zum zweiten Teil der Grey-Trilogie.
Gleichzeitig sind sich beide aber auch sicher: I don't wanna fit wherever I just wanna keep calling your name until you come back home
Das Warten, das Verlangen, das ist unaushaltbar und etwas, das definitiv nicht der Lebensinhalt der beiden sein sollte.
Ein bisschen grundsätzliche Verzweiflung schwingt in dem Song mit, da ja scheinbar der Ausgangspunkt dieses Klagens die Annahme des ewigen Lebens ist. I Don't Wanna Live Forever – Mach' bloß, dass dieses unnütze Leben irgendwann aufhört. Und sei es erst nach 1.000 Jahren.
Umgekehrt angeschaut: Wenn du also zurück kommst zu mir, nach Hause (!), ich mir deiner Nähe und Gegenwart sicher bin, dann könnte ich mir das mit dem ewigen Leben schon vorstellen. Denn dann müsste ich mich ja auch nicht mehr so sehnen und verzehren …
Ich weiß nicht, ob wir alle diese Vision teilen – zumindest für Ana und Christian geht die Geschichte ja in eine Richtung, welche einen geringeren Emotions-Schmerzpegel verspricht. Sie steigt ins Taxi und fährt zu ihm …
Wie gesagt: Teil 4 steht noch aus.
Verglichen mit Earned It, einem der zentralen Songs aus Teil I, ist I Don't Wanna Live Forever um einiges existenzieller, vielleicht auch verzweifelter. Oder unszeniert sich zumindest so. Bei Earned It ging es einfach nur um lustvolles Verlangen und die Steigerung ins möglichst Extreme. Love Me Like You Do holte zum überbordenden Genuss aus – I Don't Wanna Live Forever ist dagegen das Leiden pur. Ana und Christian haben nun tatsächlich mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Oder müssen erstmal rauskriegen, was diese überhaupt sind. Es wird also kompliziert.
Nicht umsonst steht das reichlich oft in Statuszeilen sozialer Netzwerke. Bei allen Freiheiten und Vertragsklauseln – einfacher ist das Beziehungsleben in den 2010ern auf keinen Fall geworden.
Das Konzept Boyband hat seine besten Tage irgendwie hinter sich. Zumindest wenn man sich anschaut mit welcher Euphorie in den 90ern Take That, die Backstreet Boys oder sogar noch N'Sync gefeiert wurden. In den 2010ern haben wir als international ernsthaft wahrgenommene Projekte gerade mal noch OneDirection und natürlich die australischen Five Seconds of Summer.
Sicher, auch heute noch kreischen die Mädels zwischen 12 und 16 und fallen in Ohnmacht. Stadien kriegen die Jungs allemal noch voll. Nur die Zielgruppe ist reichlich schmaler geworden. Denn in den Hochzeiten kauften auch Ältere die CDs. Und sogar im Normalradio waren die Songs zu hören. Das kommt heute ja eher selten bis gar nicht vor.
So könnte man eigentlich auch denken, wenn sich da aus so einer Boy-Runde ein Einzelkämpfer abseilt und auf solo macht, dann bedeutet das gar nichts. Ist aber offenbar falsch. Denn gerade jetzt beweist uns Zayn Malik, dass es auch komplett anders geht.
Bis ins Frühjahr letzten Jahres gehörte er zu den Fünfen von OneDirection. Die waren 2010 im britischen Fernsehen zusammengecastet worden und mühten sich danach ordentlich ab, auch in Rest-Europa zu landen. Im Album-Bereich gelang das mitunter auch, wenngleich in Deutschland zum Beispiel die Nummer 1 immer noch ein unerreichtes Ziel ist. Auf dem Markt der Tageshits sah es dagegen ordentlich mies aus. Keine eingängigen Melodien, kein mitreißender Sommerhit, mittelmäßige Konfektionsware von der Stange und das einzige Verkaufsargument blieb süße Jugendlichkeit und MTV-Gossip.
Vielleicht war das dem Sänger und Performer Zayn Malik zu wenig. Die bei seinem Ausstieg herbeizitierte Suche nach etwas mehr Privatleben und Ruhe kann der Grund jedenfalls nicht gewesen sein, dann Malik meldet sich nun mit einem Solowerk zurück. Als Vorgeschmack darauf ist seit einer Woche Pillowtalk auf dem Markt, von ihm mitgeschrieben und deshalb vermutlich auch näher an dem dran, was er eigentlich machen will.
Und Pillowtalk knallt tatsächlich rein. Auf Anhieb Nummer 1 in Großbritannien und Australien, und in Deutschland Platz 5 – besser als alles was OneDirection je erreicht hat.
Musikalisch wurde die sanfte Boygroup-Gefälligkeit ausgetauscht gegen elektronisch-abrupte Effekte. Der neue Justin Bieber scheint hier Pate gestanden zu haben. Paradies und Kriegsschauplatz werden textlich direkt nebeneinander herbeibemüht und die Beschreibung der körperlichen Lust ist schon reichlich explizit: So we'll piss off the neighbours in the place that feels the tears
.... A place that is so dirty and raw. Be in the bed all day,
Fucking you, and fighting on
Teenie-Stars dürfen so etwas nicht singen. Und Teenie-Stars inszenieren sich auch nicht durch ein Video mit Kaleidoskop-Effekten und elektronischen Verzerrungen.
Eines kann man Zayne Malik also definitiv nicht absprechen: Hier ist jemand ordentlich bemüht, ein Statement abzuliefern. Ein komplett anderes Bild von sich zu zeichnen. Imagewechsel komplett.
Das kann man gut und gern auch als reichlich über's Ziel hinausgeschossen wahrnehmen. Die Bildsprache zwischen Kitsch, Sex und alberner Solarisation ist mir insgesamt tatsächlich reichlich zufällig und effekthaschend. Trotzdem ist das ein wunderbarer Gegenpart zu der im letzten Jahr massiv in Szene gesetzten Durchschnittlichkeit und Normalität.
Gleichzeitig machen die Schredder-Effekte auch klar: Hier geht es nicht nur um einen gutaussehenden, jungen Mann, der zufällig auch noch ein bisschen Singen kann. Makellose, perfekt inszenierte Schönheit ist so Boygroup! – Hier darf man ruhig mal hinter die Fassade schauen und einzelne Splitter betrachten. Dass auch hier jedes Detail inszeniert ist, fällt dabei gar nicht so sehr ins Gewicht. Diese Künstlichkeit gibt nämlich zu erkennen: ich bin nicht irgendein Traumabziehbild, das Wahrhaftigkeit vorgaukelt. Hier geht es um hochpolierte Produktionen, um bewusste Setzungen und Entscheidungen, die einen Gegenpol zur (Ideal-)Realität bilden. Die in ihrer Unnatürlichkeit vielleicht sogar mal verunsichern. Oder mich eben auch fragend allein lassen.
Das ist irgendwie schon schön. Auch im ästhetischen Sinne.