Freitag, 7. Juni 2019

RAMMS+EIN: Ausländer



Natürlich haben die Jungs von Rammstein ein sehr gutes Gefühl für Reizthemen und setzen diese bewusst ein. Um uns zu zeigen wie doof wir sind, dass wir immer wieder auf bestimmte Triggerpunkte reinfallen. Um überhaupt aufzufallen. Um mit Spaß im Fahrwasser der Uneindeutigkeit herumzuschiffen. Das war schon bei Engel so, erst recht vor kurzem bei Deutschland und natürlich ist es bei Ausländer genauso. Allein schon der Titel kann auf turmhohe Bäume treiben.

Im Track selber wird das Ganze dann bis ins Absurde hinein verwurstet. Deutungshorizonte werden verschmiert. Und jede/r, derdie sich wagt eine Interpretation vorzugeben kriegt mit kaltem Grinsen gesagt: Reingefallen, war absichtlich ganz anders gemeint!

Nun ist das mit dem "meinen" auch so eine Sache. Gut gemeint kommt nicht immer genauso an, sondern kann auch mal gehörig nerven. Umgekehrt ist es ebenso: Fies gemeint kann auch schon mal lächerlich ankommen. Wer sich also drauf beruft, was ersie meint - und das sei die einzig mögliche Art das Ganze aufzufassen - derdie hat von Kommunikation schonmal gar nichts begriffen.

Lassen Rammstein deshalb anders als bei Deutschland im Fall von Ausländer die Tore sperrangelweit offen für alle möglichen Lesarten? Nichts vorgeben als Strategie? Um sich vor Angriffen zu schützen? Oder allen zu gefallen? Oder einfach nur weil man es halt kann und auch keine Lust hat immer den Erklärbären raushängen zu lassen?

Also loben sich die Jungs mit gespaltener Zunge durch die Vielsprachigkeit als Bildungsideal. "Ich mache es gern jedem recht" klingt in meinen Ohren jedenfalls wie eine Drohung. Nicht wie ein besonders kluger Move zur Verständigung auf Augenhöhe. Also bleibt folgerichtig der einzige Zweck für linguale Vielfalt die Befriedigung des Fortpflanzungsdranges. Kein höheres Ziel.

Auch das Video lässt viel Platz für Fantasien. Es spielt mit allem was während Welterkundungen und -entdeckungen falsch lief. Kolonialfantasien pur: der weiße Mann, der sich irgendwo in Afrika breit macht, Bildung bringt, Traditionen studiert, seinen Samen verstreut ... und dann abhaut.



Kann man ironisch witzig finden - muss man aber nicht. Denn selbst wenn hinten dran eine knallend klare Botschaft gezeigt würde: erstmal werden Stereotype reproduziert. Auf beiden Seiten. Bewegt das Musikkonsumenten zum Nachdenken?

Das ist das Manko der dritten Single aus dem siebten Rammstein-Album. Es bleibt inhaltlich schwach, will einfach nur Druck ablassen - alles legitim - bleibt dabei aber auch musikalisch nur ein Mittelmaß-Aufguss der Neuen Deutschen Härte. Die lauten Gitarren höre ich bei anderen Bands in wesentlich spannenderen Kombinationen. Von elektronisch bis akustisch ... da war Deutschland im Vergleich schon richtig innovativ.

Na gut, nicht jeder Song muss ein Meilenstein sein. Heute geht es oft nur darum möglichst viel Material auf den Markt zu schmeißen - irgendeins der tausend Produkte wird schon Liebhaber finden. Nach drei Jahren Produktionszeit finde ich dieses Ergebnis dann aber doch irgendwie enttäuschend.

Und je öfter ich den Song höre um so mehr erinnert mich die Kombination aus gesprochenen Versen und dem kurzen Liedpart an Witt. Ob das so erstrebenswert ist?


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